Ein kleines, fabelhaft hell gekleidetes Mädchen reckt den Arm in die Luft und signalisiert uns mit zwei triumphierenden Fingern: Hier ist etwas ganz, ganz prima! Links daneben auf der immerhin 202 Quadratzentimeter großen Zeitungsanzeige steht in dicken Lettern "Lisa". Und der Spruch, den das nette Kind schriftlich von sich gibt? "Meine Mutter kauft bei LISA, weil es dort nichts kostet. Sie zeigt an der Kasse nur so ’ne kleine Karte aus Plastik, und bei LISA sagt man, das geht so schon in Ordnung."

"Lisa" ist eine Freiburger Boutique, im Kornhaus am Münsterplatz. "Damenoberbekleidung" wäre stark untertrieben. Da gibt es alles, was gut und teuer ist, vor allem teuer. Im Fenster liegt ein Schicki-Mickimaus-Pullover aus allerfeinstem Material. Das gute Stück mit dem Walt-Disney-Motiv vom Busen bis zur Taille kostet 1198 – eintausendeinhundertachtundneunzig – Mark.

An einem Donnerstagmittag, zu nicht besonders günstiger Verkaufszeit also, suchen dennoch fünf Kundinnen bei "Lisa" nach Kleidsamem. Die Chefin des edlen und geräumigen Ladens findet an der in der Badischen Zeitung veröffentlichten Anzeige nichts Besonderes. Sie sagt, nur zwei Kundinnen hätten sie darauf angesprochen, so nebenbei, weder lobend noch tadelnd. Es meldete sich keine Handelskammer, kein Konkurrent, kein Abmahnungsverein, kein Anwalt.

Aber doch: Eine Psychoanalytikerin, in der Kinderpsychiatrie erfahren, las das Inserat und brachte es mit, in heiligem Zorn. "Ungeheuerlich", sagte sie, "unverschämt!" Na, na. Wird in der Werbung nicht immer ein bißchen gelogen? Gewiß. Aber so? Und gegenüber Kindern?

Die Chefin von "Lisa" meinte, sie formuliere immer wieder, ganz zwanglos, neue Texte für ihre Anzeigen. Und so handelt es sich also um einen Spontantext, eine Abendarbeit bei einem Gläschen Gutedel. Die Chefin hat dabei gewiß nicht den dicken "Baumbach-Hefermehl" neben sich liegen gehabt, den Juristenkommentar zum Wettbewerbsrecht. Große Firmen wissen genau, wie weit sie mit ihren Werbelügen gehen dürfen. Sie hangeln sich am "Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb" entlang, und dann entstehen Sprüche wie "Das beste Cabrio in zwei Welten" oder "Im Baedeker steht einfach alles". Alles ein bißchen gelogen und an lügengewohnte Erwachsene gerichtet, und daher wieder nicht so schlimm gelogen. Doch "Lisa" wendet sich an Kinder. Bei "Lisa" soll es nichts kosten, da muß man nur eine kleine Plastikkarte vorzeigen: geht in Ordnung. Ein toller Laden, Mami.

Bemerkenswert an der Verdummung ist, daß sie mal so eben geschieht. Die Anzeigenabteilung der Zeitung hat den Text nicht angehalten, sie hat wohl nur ein wenig gelächelt. Tja, im Zeitalter der Eurocheque- und Kreditkarten wird man doch darauf hinweisen dürfen, daß Bargeld nicht mehr nötig ist. Wer nämlich die Hunderter aus dem Portemonnaie zieht, merkt schon, wie teuer etwas ist. Mit der Plastikkarte fällt das Zahlen leicht. Und eine Edelboutique mit solchen Preisen hat plastikbewehrte Kundinnen besser im Griff. Also Kinder, mit Mutti zu "Lisa" – "weil es dort nichts kostet".

In dem erwähnten "Hefermehl" steht, es sei wettbewerbswidrig, Kinder unter Ausnutzung ihrer Unerfahrenheit zu Ausgaben zu verführen. Und bei den Begriffen "kostenlos" und "kostet nichts" ist die Rechtsprechung äußerst pingelig. Kostenloses Ausmessen, kostenlose Beratung, Anfahrt: Jede Werbung damit ist verboten.