Dies Osterei wird einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: Streik steht ins Haus, diesmal im öffentlichen Dienst, wo die Tarifverhandlungen für die 2,3 Millionen Beschäftigten in Westdeutschland in der Nacht zum Dienstag scheiterten. Geschieht nicht noch ein Wunder, werden Müllmänner und Postbedienstete, Krankenschwestern und Busschaffner demnächst die Republik lahmlegen.

Um weniger als einen halben Prozentpunkt lagen Gewerkschaften und Arbeitgeber nach dem Schlichterspruch noch auseinander. Schier unfaßbar ist es, daß die Verhandlungspartner diese vergleichsweise geringe Differenz nicht doch noch überbrücken konnten. Ein Armutszeugnis für die Tarifautonomie, aber auch ein Makel für die Politik, die diese Zuspitzung provoziert hat.

Gewiß, die Lage der öffentlichen Haushalte ist miserabel, und jedes halbe Lohnprozent kostet den Staat 1,5 Milliarden Mark. Aber auch ein Streik ist nicht umsonst. Andererseits sollten die Gewerkschaften einen Arbeitskampf nicht aus reinem Trotz vom Zaun brechen, selbst wenn ihr Wunsch, nach Abzug der Inflationsrate Ende des Jahres noch ein Plus im Portemonnaie zu behalten, verständlich ist. Und wer ihnen und den Beschäftigten in der Industrie Opfer abverlangt, muß selbst bereit sein, den Gürtel enger zu schnallen.

Johannes Rau und seine Kabinettsriege in Nordrhein-Westfalen haben jetzt endlich das richtige Zeichen gesetzt. Leider kommt es spät. Um die Tarifrunde dieses Jahres wirklich zu beeinflussen, wäre ein frühzeitiges Signal zum Verzicht auch vom Kanzler und seinen höchsten Beamten erforderlich gewesen. Die Spitzenpolitiker in Bund, Ländern und Gemeinden aber scheinen ebenso wie die Topmanager in der Wirtschaft noch immer zu glauben, ihr Beitrag zur Solidarität mit dem Osten könne sich in Appellen an die Masse der Arbeitnehmer erschöpfen. Ob sie die Verantwortungslosigkeit ihres Nichtstuns begreifen? Die Feiertage bieten ihnen eine Gelegenheit zum Nachdenken. Frohe Ostern! ms