Von Matthias Michael

Sieben Schwestern und ihr Bruder spielen im Wald. Plötzlich verwandelt sich der Junge in einen riesigen wütenden Bären. Die Mädchen flehen in Todesangst verzweifelt den Himmel um Hilfe an. Da wächst der Fels, auf dem sie stehen, mit den Schwestern mehr als 260 Meter in die Höhe. Der Bär versucht noch emporzusteigen, kann die Mädchen aber nicht mehr erreichen. Die Schwestern sind noch heute als die Sterne des Großen Wagens am Firmament zu sehen.

Eine Legende aus Wyoming. So erklärten die Indianer die Entstehungsgeschichte des Devils Tower, der später zum ersten amerikanischen Nationalmonument wurde. Daß es sich bei dem mysteriösen Felsen, der im Nordosten des Bundesstaates einsam aus der Landschaft ragt, um den stehengebliebenen Hals eines erloschenen Vulkans handelt, bleibt nebensächlich. Die Legende lebt. Jedes Schulkind in Wyoming kennt sie.

In diesem Staat im Mittleren Westen der USA sind Mythos und Wirklichkeit stets eng miteinander verquickt. Ebenso dicht liegen Zivilisation und Wildnis, brausende Naturgewalt und friedliche Einöde beieinander. Das Land, von vielen als der echte Westen, als cowboy country verehrt, bietet Raum für die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Eine Gegend für Sinnsucher und Tagträumer. Im Osten der USA oder in Kalifornien kann man etwas werden, in Wyoming kann man glücklich sein. Hier gilt jeder Fremde zunächst als guter Kerl – bis zum Beweis des Gegenteils.

Lange Zeit war Wyoming auch das Land der Grenzgänger. „Frontier“ nannten die Pioniere im 19. Jahrhundert das Gebiet, wo das besiedelte Land endete und die unerforschte Wildnis begann, markiert durch die Felsenschranke der Rocky Mountains. Als schließlich ein Weg durch die karstigen Berge gefunden war, polterten die meisten der Siedler weiter, immer westwärts. 1843 passierte der erste große Treck, der Oregon-Trail, die Weiten Wyomings.

Entlang seiner Route ins gelobte Land Oregon, wo sich die Siedler fruchtbaren Ackerboden erhofften, und ins Gold verheißende Kalifornien lagen Haltepunkte, die es noch heute gibt: Kavallerie-Forts, Museen, Pony-Express-Stationen. Auch Einkerbungen der Siedler im Sandstein künden von dem beschwerlichen Weg der Planwagen. Wyoming wurde nur durchquert, vergleichsweise wenige Pioniere ließen sich in dem rauhen Land nieder. Auch heute gibt es nur fünf Orte, denen mit einigem Wohlwollen die Bezeichnung Stadt zugestanden werden kann. Die Namen von Cheyenne, Medicine Bow und Laramie klingen wie Stationen der Raubzüge von Jesse James oder Sundance Kid. Im gesamten Rechteck-Staat, der etwa so groß ist wie die alten Länder der Bundesrepublik, leben weniger Menschen als in Hannover. Schon der Blick auf die Landkarte verspricht Einsamkeit. Dafür gibt es mehr als 500 000 Dickhorn-Antilopen und ebenso viele Rehe und Hirsche.

Während die Wälder und die Prärie in der Mitte und im Osten Wyomings fast unberührt bleiben, fallen alljährlich Millionen Touristen über den Westen her. Die Skigebiete des mehr als 4000 Meter hohen Gebirgsmassivs der Tetons und besonders der weltbekannte Yellowstone-Nationalpark sind die Vorzeige-Areale Wyomings.