Von Heinz Josef Herbort

Sie waren einmal unter den ersten und eifrigsten: Schon knapp zwei Jahre nach der Bayreuther Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ schmiedete das Hamburger Stadttheater unter dem Künstler-Kaufmann Pollini einen ersten „Ring“. 1913, 1928, 1938 – die Abstände neuer Inszenierungen verkürzten sich anfangs. 1956 in der wiederaufgebauten Staatsoper die Konzeption des Regisseur-Intendanten Günter Rennert. Doch mit dem Großbrand in den Werkstätten und Magazinen – 1. November 1975 – begann die „Ring“-lose, die schreckliche Zeit. Selbst ein Versuch unter Götz Friedrich und Christoph von Dohnányi (1980) blieb im „Rheingold“-Ansatz stecken – der Reif wollte den Hamburgern nicht mehr geraten.

Nun also ein neuer Anlauf mit „Rheingold“; im Herbst 1993 soll die Tetralogie komplett sein. Wer freilich könnte den Hamburgern die ihnen gemäße hinreichende Modernität, die aber doch das Altvertraute nicht zu sehr stört, liefern? Günter Krämer, Schauspieldirektor in Köln, aber durch eine Reihe bedenkenswerter, freilich auch nicht immer nur konsequent durchgearbeiteter Operninszenierungen (unter anderem in Hamburg) ebenfalls im Musiktheater wichtig geworden, begab sich mit „Rheingold“ zunächst einmal auf einen Mittelweg: mit kleinen Pendelbewegungen nach links und rechts einigermaßen straight durch die Mitte zwischen Mythos und Theatralik.

Sein – gewiß trefflicher – Grundansatz: Wir Künstler, wir Bühnenleute schaffen uns unsere Formulierung der Mythen jedesmal selber und neu. Folglich beginnt er (Bühnenbild: Andreas Reinhardt) mit schon vor der Aufführung offener, halbheller und leerer Bühne, läßt so das Vorspiel beginnen, verdunkelt zum ersten Horneinsatz. Aber was dann aufgebaut und entwickelt wird, mag sich lieber zum amüsanten, ganz netten Theaterspielchen, aber nur selten zum Mythos hin entscheiden. Daß Alberich zunächst wie ein Beinamputierter auf Schenkelstümpfen hereinwankt, sich mit seinem Liebesfluch die einengenden Stiefel vom Leib zerrt und nun zu voller Menschengröße und aufrechtem Gang wächst, hat als Chiffre viel für sich. (Später, wenn ihm der Ring und damit die Macht entrissen wurde, fällt er, das ist gewiß konsequent, in die Amputation zurück – der Arme: Er wird doch nicht den ganzen „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“ so durchknien müssen?) Aber „Liebe“? „Macht“? Die Antinomie des Schopenhauerschen „Willens“? Oder: Was ist göttlich an den Göttern? Daß sie statt „in freier Gegend auf Bergeshöhen“ auf dem Grönland eines überdimensionalen Globus schlafen und auf Steigeisen diese Nordhalbkugel erklettern? Daß sie ihren Parkinson kriegen, wenn sie vergessen, ihr Apfel-Frühstück einzunehmen? Daß sie ihren upper ten-Standesdünkel besitzen, aber nur mit Scheinkräften protzen können? Daß sie sich wie Machos gebärden, mit denen Freia im Ende kaum noch etwas zu tun haben will? Daß sie nicht im entferntesten wissen, was Macht denn eigentlich bedeutet, da jeder Hinz und Fasolt mit dem Machtsymbol schlechthin, Wotans Speer, herumhantieren kann und, vor allem, darf?

Reicht es für die Sonderrolle des Halbgottes Loge, daß er gelegentlich die fünf Bunsenbrenner-Finger seiner linken Hand entzündet? Was ist (wenn nicht komisch) an der Erda, daß sie ausgerechnet hinter der Goldstatue „nach Freias Gestalt“ erscheint? Was mit Walhall, um dessentwillen dieser Wotan doch den ganzen betrügerischen Quatsch angezettelt hat und in das er doch am Ende zu pompösester Musik einzieht – wenn es offenbar doch gar nicht, existiert und seine Familie folglich während der Prozession in der Mitte eines kleinen Plastik-Gartensteges (genannt Regenbogenbrücke, aber nur in Grün und Blau) stehen bleiben muß? (Irgend etwas muß ab und an im Hintergrund rechts passieren, was Akteure wie auf der linken Seite sitzende Zuschauer beobachten können, was aber schon dem rechts auf Platz 6 Sitzenden verborgen blieb.)

Ein bißchen raffiniertes Licht, etwas Maschinentheater, ein beachtlicher, vom ganzen Nibelungenheer gebildeter „Riesenwurm“ (aber auch eine kaum in die „feinste Klinze“ passende, hilflos unpräzis hüpfende Ansammlung von Nibelungenkröten), hier und da die aktuelle Geste kumpelhafter Lässigkeit – zwei, drei Charaktere gibt es zu sehen oder zu hören: neben dem intelligenten/empfindsamen Fasolt von Harald Stamm den expressiven/entschlossenen Alberich von Günter von Kannen wie den verschmitzten/leidenden Mime von Horst Hiestermann. Gerd Albrecht hat offenbar gut mit seinem Orchester gearbeitet – das Engagement aller ist zu spüren. Aber er läßt sich und seinen Musikern kaum Zeit, ein Wagnersches Pathos zu entwickeln. Der „Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold“ – nur bisweilen stellt er sich ein. Aber ein neuer Anfang ist’s, und er verspricht viel – viele Fragen.