Von Eckhard Roelcke

Mickey, der sympathische Lausbub, geht den Weg, den die Gesellschaft für einen wie ihn vorgesehen hat: Er fliegt von der Schule und muß in der Fabrik für wenig Geld Pappkartons stapeln. Der Arbeitsplatz wird wegrationalisiert, Mickey findet keinen neuen Job und gerät auf die schiefe Bahn. Er muß ins Gefängnis, wird tablettenabhängig und begeht, zurück in der Freiheit, einen Mord aus Eifersucht. Nicht fehlende Begabung oder mangelnder Ehrgeiz sind schuld an Mickeys trostloser Karriere, sondern das Milieu: ein Elendsviertel in Liverpool.

Edward dagegen macht eine mustergültige Karriere: Er darf in Oxford studieren, bringt es schließlich bis zum Stadtrat – ein einflußreicher, angesehener Mann. Seine Begabung ist nicht außergewöhnlich, sein Ehrgeiz nicht allzugroß. Zu verdanken hat Edward die steile Karriere dem Milieu: seinem Fabrikanten-Elternhaus in Liverpool.

Mickey und Edward sind Zwillinge, aber sie wissen es nicht. Ihre Mutter, von ihrem Mann verlassen, verarmt und ohne Hoffnung, hatte Edward der wohlhabenden Fabrikantenfrau Mrs. Lyons überlassen, die keine Kinder kriegen konnte, sich aber nach einem Sohn sehnte. Die Jungen treffen sich beim Spielen auf der Straße, freunden sich an und werden Blutsbrüder. Doch die Mütter tun alles, damit die beiden sich nicht treffen. Vergeblich: Immer wieder kreuzt sich schicksalhaft ihr Weg – bis zum tödlichen Ende. Was der Aberglaube prophezeit und wovon ein Erzähler immer wieder kündet, trifft ein: Sobald getrennte Zwillinge voneinander erfahren, müssen sie sterben.

Willy Russels Musical „Blood Brothers“, das seit Jahren in London mit großem Erfolg aufgeführt wird und das jetzt am Theater Heilbronn zum erstenmal auf deutsch inszeniert wurde, ist ein sozialkritisches, zeitbezogenes Stück. Rüssel, selber in Liverpool geboren, erzählt vom tristen Leben der Arbeiterkinder, von den Sorgen des Alltags, die fast „automatisch“ in die Kriminalität oder zu menschlichen Tragödien führen. Und es stellt sich wieder einmal die alte Frage: Wie nah kann ein Musical an die Realität heranreichen, ohne sie zu verharmlosen?

Denn wer Erfolg haben will, muß die Regeln der Branche einhalten: Im Musical muß getanzt und gelacht werden, die Dialoge sollen Witz und Tempo haben, ein Liebespaar und ein Hit sind obligatorisch. Rüssel, der mit „Educating Rita“ (eine Liverpooler Version von „My fair Lady“) und mit „Shirley Valentine“ großen Erfolg hatte, zeigt nicht die brutale Realität des Alltags in Liverpool. Der Stoff paßt ins (bürgerliche) Unterhaltungstheater: In dem verwahrlosten Arbeiterviertel entwickelt sich eine Hinterhofromantik, und die herumlungernden Jugendlichen sind Lausbuben mit tolldreisten Streichen, von denen der bürgerlich wohlbehütete Edward fasziniert ist.

Aber mit dem fiktiven Zwillingspaar gelingt es Rüssel, die gesellschaftlichen Mechanismen zu entlarven, die über Lebensläufe entscheiden: Nur durch Zufall ist Mickey der Verlierer. Deshalb wirft er seiner Mutter am Schluß auch nicht vor, daß sie ihm das Schicksal ihres Bruders verheimlicht hat, sondern daß sie Edward weggegeben hatte und nicht ihn – den Freund und „Blutsbruder“ hat Mickey geliebt, seinen Zwillingsbruder aber haßt er, als er von ihm erfährt.