Von John Linthicum

DÜSSELDORF. – Wo auch immer frau heute ihre Ohren aufmacht, hört sie eine bedrückende Ähnlichkeit zwischen „man“ und „Mann“. Ja, überall in der Sprache vermutet und findet sie die gezinkten Karten des Patriarchats, die gleich flinken Zauberworten Frauen in kleine frauen verwandeln. Dafür, daß die Sprache älter ist als das Patriarchat, gibt es aber einen eindeutigen Beweis. Es kann nur im bekanntlich vorangegangenen, eben ursprünglichen und (nach der hiesigen Einschätzung) urdeutschgrunzenden Matriarchat gewesen sein, daß die Regierenden Motiv und Gelegenheit gehabt haben können, zu verfügen, daß die Regierten keine, aber auch gar keine nur auf sie hinweisende Fürworter erhalten sollten.

Das kam wahrscheinlich so: Sobald frau die Tage zu zählen gelernt hatte, wurde es in Betracht gezogen, ausschließlich denen die Ehre eines eigenen geschlechtlichen Fürwörter-Arsenals zu gewähren, die eine konkrete Beziehung zu einem Himmelskörper aufweisen konnten, und zwar regelmäßig. Sowie frau dann eins und eins addiert hatte und auf drei gekommen war (was ihr erst klarmachte, daß die Männer doch nicht eine gelegentlich nützliche andere Spezies, sondern lediglich ein zweites zur Geburt von Nachwuchsfrauen leider benötigtes Geschlecht darstellten), mußte das Wort „Mensch“ her. Er sollte das wenige Gemeinsame so abschätzig klingend („Männer“/„Mensch“) bezeichnen, wie es nur ging.

Damit das zwar weniger willkommene, aber nun zu aller Leidwesen erkannte Gemeinsame auch in Zukunft so klein wie möglich gehalten werde, entschloß frau sich, es nicht mit eigenen Fürwörtern auszustatten. An denen der Männer könnte es teilhaben: zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Sprache sollte sowieso möglichst straff und unüberladen bleiben, damit die Männer die Befehle begriffen. Daß die Sprache dadurch auch ihre Schönheit beibehielt, sah frau als lediglich ein nettes Beiprodukt der fürwörtlichen Machterhaltungsmaschinerie.

Die Männer versuchten sich von der zu schönen Bescherung zu befreien, indem sie die Sonne zum männlichen Gott erklärten. Eine Rebellion, die bis heute gelungen zu sein scheint, und zwar täglich, die aber rein sprachlich am weiblichen Geschlecht des Wortes „Sonne“ – und bereits lange vor dem Computerzeitalter – zum Scheitern programmiert war. Auch eine Rose mit dem Namen Hermann bleibt eben weiblich.

Gewiß, auch der Mann könnte zur Ernährung beitragen, frau könnte zur Not und jederzeit einen von ihnen dafür vorbereiten, einen Fetzen für das Kind vorkauen. Der Mann aber fiele dann endgültig für den Kriegsdienst aus. Der Siegeszug des Sonnengottes blieb Schein, weil nur die mondfarbene Muttermilch zweifellos magisch und naturverbunden war. Was brachte denn, die Sonne, wo es tagsüber sowieso hell war? Der Mond bezwang das Dunkle dann, wenn’s darauf ankam.

Der Mond? Nun, da haben wir einen eindeutigen Auswuchs des Patriarchats, das es trotz der überlieferten fürwörtlichen Benachteiligung des Mannes heute noch schafft (zugegebenermaßen mit der Hilfe vieler stiller Teilhaberinnen, ohne die ginge das ja gar nicht), das weibliche als das weniger wertvolle Geschlecht zu behandeln. Und zwar täglich.