Am 13. Mai 1988 liegt ein Mann tot auf einer Straße in Amsterdam. Nach dem ersten offiziellen Polizeibericht handelt es sich um einen etwa dreißigjährigen Junkie, mit den – vermutlich gestohlenen – Papieren eines älteren Amerikaners, der aus einem Hotelfenster gestürzt ist. Mysteriös, weil sich das Schiebefenster des Zimmers nur etwa fünfzig Zentimeter hoch schieben läßt. Es könnte der Anfang eines mittelmäßigen Kriminalromans sein. Es ist das Ende eines der größten Jazzmusikers, der für viele zum Inbegriff des Hipsters und des Cool Jazz wurde, eines Verlierers, der nur für seine Musik und die Drogen lebte.

Der ideale Filmstoff. Ein Mann mit dem zurückhaltenden Charme eines James Dean und dem photogenen Image des einsamen Trompeters, ein Mann, dessen Karriere von Gefängnisaufenthalten, Ausweisungen, Comebacks und zahllosen Affären geprägt war, ein Mann, dessen lyrisch-melancholische Musik eine Generation beeinflußte. Ein Gesicht, eine Musik und Geschichten, die jeder – auch er selbst – in immer neuen Versionen erzählte. Vier Jahre nach seinem Tod liegen nun drei Bücher vor, die aus völlig verschiedenen Blickwinkeln ihre Wahrheit über Chet Baker spiegeln. Jedes mit Liebe und, notwendigerweise, mit all den Peinlichkeiten, die damit verbunden sind.

Chet Bakers Faszination entstand aus dem Verschwinden von Gegensätzen. Weiblich und männlich, jung und alt, unschuldig und verlebt – er war immer beides. Mit 25 Jahren strahlten seine Stimme und sein Trompetenton eine Melancholie aus, für die er eigentlich zu jung war, mit 55 lag eine Sehnsucht und Liebe in seiner Musik, die fast nicht mehr möglich schien. Es ist in seinem Gesicht zu sehen: weich und sinnlich von vorne, zerklüftet und markant von der Seite, offene Züge, die sich im Alter wieder in die geschlechtslose Unbestimmbarkeit von Kindergesichtern zurückverwandeln.

Kein Wunder, daß man diesen Mann, dieser Musik verfallen konnte. Lothar Lewien beschreibt in seinem Buch „Blue Notes“ den Kreuzweg seiner Liebe. Offen, sympathisch, oft naiv und dann immer peinlicher. Am intensivsten lesen sich die Anfangspassagen über die Zeiten der unerreichbaren Ferne, als die reale Person „Chet Baker“ als Traum hinter der Musik verborgen war. Immer wieder gelingen Lewien kleine, schöne Beobachtungen, genaue Beschreibungen seiner Angst um diesen verletzlichen Mann, seiner Wallfahrten zu Konzerten, um dann aber ins Belanglose, hilflos Sprachlose abzustürzen. Vollends versagt er dann, wenn es um Bewertungen geht, wenn er blumig nacherzählt, was nicht selbst erlebt wurde. Schade um einen sensiblen Artikel, der zu einer inseitigen Hommage ausgewalzt und mit einer 60seitigen unvollständigen Diskographie aufgebläht wurde. Schade, daß der im Bereich der Jazz- und Rockliteratur so verdienstvolle Hannibal Verlag hier nicht kritischer verfahren ist. Mit Liebe allein ist kein Buch zu füllen.

Als Chet Baker tot vor dem Hotel in Amsterdam gefunden wurde, hatte er als Adresse „C.H. Baker, Yale, Oklahoma“ angegeben. Es war der Ort, an dem er am 23. Dezember 1929 geboren wurde. Es gab keine letzten Worte, kein „Rosebud“ – und doch könnte dies der Schlüssel zur Erklärung des „Citizen Baker“ sein, eines Cowboys aus Oklahoma, den es in die rauchigen Nachtclubs der Großstädte verschlagen hat.

Der Holländer Jeroen de Valk machte sich auf die Suche. Er interviewte Musiker, Manager, Freunde, Chet Bakers Frauen, und jeder erzählte seine Version eines verschlossenen Mannes, der sich nur in seiner Musik öffnete. Sorgfältig recherchiert de Valk – mit dem nötigen Abstand und der einfühlsamen Nähe – das Leben eines alterslos Pubertierenden, das oft wie ein schlechter Roman erscheint, während seine Musik Lyrik in Vollendung war.

Vielleicht war das eine ohne das andere nicht möglich – de Valk hält die Antwort in der Schwebe. Leitmotivisch verwebt er stilistische, technische und musiktheoretische Betrachtungen mit der Chronologie des Aufstiegs Chet Bakers zum Trompetenstar der fünfziger Jahre, seinen Irrfahrten durch Europa, den deprimierenden Episoden seines Untergangs in den USA bis zur triumphalen Rückkehr Ende der siebziger Jahre nach Europa, einem Europa, das für die B-Seiten des Lebens, die Rückseite der Musikindustrie schon immer empfänglicher war. Ein Buch mit selten gezeigten Photographien, einer klug kommentierten Auswahldiskographie, ein Buch, das die Realität beschreibt, ohne den Traum zu verletzen.