August 1942, Amsterdam, Beethovenstraat. Andreas, ein junger deutscher Dichter mit empfindsamen Nerven hat sich dem Kriegsdienst entziehen können. Als Berichterstatter einer deutschen Zeitung kommt er in die Niederlande. Er schläft nicht besonders gut in der Stadt, wo abends, wenn es still wird, „das Sterben in der Luft liegt“.

In einer Nacht, als ihn wieder die Alpträume schrecken, als er Kommandorufe, Hundegebell und das Geräusch der Trambahnen zu hören glaubt, steht er auf, stellt sich ans Fenster, sieht „eine dunkle Masse, fahle Gesichter..., an den Flanken ein paar Uniformierte“, sieht, wie die Menschen in die Trambahnen drängeln, hört den Ruf „Schnell, schnell“, hört ein Kind plärren, sieht, wie die Bahnen abfahren, und denkt, er sei verrückt geworden. Früh am nächsten Morgen rennt er los, sucht nach einem Arzt, der ihn von diesen Halluzinationen befreien soll. Eine Straße weiter sieht er ein Schild, „Dr. Max Rosenbusch, Zenuw Arts“, und hämmert an die Tür. Der jüdische Nervenarzt erklärt dem verstörten Deutschen, was dieser bisher in neun Jahren Naziregime in Deutschland nicht erfahren konnte oder wollte.

In jeder Nacht werden in Amsterdam 400 Juden von den Bahnen abgeholt, nach Westerbork gebracht: Von da aus geht jede Woche ein Transport in den Osten. „Osten, das ist ein Begriff, der nichts besagt, oder vielmehr besagt er das Nichts, Endstation Tod“, sagt der Arzt. Andreas, der passive Pazifist, erkennt: „Vor den Trambahnen hatte er vom Wesen des Faschismus nichts begriffen. Das ist seine Schuld.“ Als Zeuge hätte „er Anklage zu erheben gegen die Menschen. Die Mörder.“ Aber er kann nicht mehr schreiben.

Andreas wird aktiv, als er eines Nachts den siebzehnjährigen Daniel Rosenbusch, den Sohn des Arztes, in seinem Hauseingang entdeckt. Er verbirgt ihn in seinem Zimmer. Daniel, der intelligente, melancholische jüdische Junge „von unvorstellbarer Schönheit“ – das ist er selbst, erkennt Andreas. Doch sein Versuch, ihn – und sich – zu retten, scheitert. Kurz vor Kriegsende wird Daniel bei Kurierdiensten für den Widerstand verhaftet, nach Mauthausen deportiert. Und Andreas, der Überlebende, der doch nur in jenen vier Jahren, in dem Zimmer in der Beethovenstraat, auf jener schmalen Insel der Gegenwart mit Daniel lebte und hoffte, wird ihn suchen. Er wird noch lange nach Kriegsende nach Amsterdam zurückkehren, und er wird schließlich, „auf den Spuren des reitenden Todes“, nach Mauthausen kommen und immer wieder bei dem Versuch, Zeugnis abzulegen, verstummen: „Die Phantasie setzt an zu der gewaltigen Arbeit..., beginnt sich auszumalen, was dort vor sich geht in dem großen Schlachthaus, und erlebt es in immer neuen schrecklichen Visionen. So zerbricht er selbst... Übrig bleibt der Mensch, der alles weiß und nichts mehr sagen kann.“

Grete Weil, 1906 am Tegernsee geboren, studierte Germanistik und heiratete 1932 den Dramaturgen Edgar Weil. Sie begann zu schreiben, als sie in Amsterdam untertauchen mußte – nachdem ihr Mann 1941 im niederländischen Exil verhaftet und in die Todesfabrik von Mauthausen deportiert worden war. „Tramhalte Beethovenstraat“ erschien 1963 in der Bundesrepublik und wurde jetzt in der Schweiz neu herausgebracht.

Weils Roman findet eine Sprache jenseits der Schrecken. Eine Stimme, die nicht verstummt, nichts vergißt, weil sie die Sprachlosigkeit des Todes festhält und aufhebt. Elisabeth Wehrmann

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