Auf dem Messestand der Erfurter Optima-GmbH herrscht drangvolle Enge: An der Infotheke warten geduldig zwei Kaufleute aus dem Libanon. Der dänische Vertreter des Ausstellers bearbeitet lebhaft zwei Landsleute. Die Sekretärin steigt über Taschen und Aktenkoffer, um Kaffee und Mineralwasser zu servieren. Während eine Showeinlage vom Nachbarstand herüberschallt, verteidigt ein Mitarbeiter im Schweiße seines Angesichts die gestiegenen Preise. Mitten im Getümmel sitzen zwei Männer, die nicht reden, sondern alles genau beobachten.

Früher waren es die Leute der Staatssicherheit, die bei Messen im kapitalistischen Ausland über das Verhalten ihrer Landsleute Buch führten. Auch die Mitarbeiter des ostdeutschen Schreibmaschinenherstellers Optima waren davon nicht verschont. Anstelle des sozialistischen Wohlverhaltens werden nun freilich die marktwirtschaftlichen Verkaufstugenden begutachtet. Den Platz der staatlichen Aufsicht hat eine Unternehmensberatung eingenommen. Im Auftrag der Treuhand bewerten die beiden anwesenden Herren, wie sich die Manager der Optima, ehemals Teil des Kombinats Robotron, auf der Cebit-Messe bewähren.

Die wollen nämlich in einem Management-Buyout das Unternehmen, das 1991 noch einen Umsatz von 46 Millionen Mark machte, erwerben und damit langfristig 800 von ehemals 6000 Arbeitsplätzen in Erfurt erhalten. Ein anderer Interessent hat sich für das Unternehmen bislang nicht gefunden.

Ergeben versucht Dieter Sturm, Geschäftsführer des Unternehmens, die Herren im Hintergrund nicht wahrzunehmen. Doch er wird ihre Tätigkeit bald unter den Ausgabenposten seiner Buchhaltung wiederfinden. Die von der Treuhandzentrale bestellten Unternehmensberater müssen die ostdeutschen Unternehmen selbst bezahlen.

Die Optima-GmbH ist ein Thüringer Traditionsunternehmen, das seit siebzig Jahren Schreibmaschinen produziert. Hervorgegangen aus dem Betrieb Olympia wurde das Unternehmen zu DDR-Zeiten dem Robotron-Kombinat zugeschlagen. Die mechanischen Optima-Schreibmaschinen gehörten auf den Märkten im westlichen Ausland unter dem Namen "Erika" zu den Devisenbringern der DDR. Der einstige Exporterfolg ist heute jedoch keine Garantie für das weitere Überleben der Firma. Wie alle DDR-Unternehmen, die bis zum Fall der Mauer als Devisenbeschaffer gehätschelt wurden, hat die Optima an einer schweren Hypothek zu tragen. Zu DDR-Zeiten wurden den westdeutschen Großhändlern die Optima-Schreibmaschinen zu Dumping-Preisen hinterhergeworfen. Glaubt man Dieter Sturm, vor der Wiedervereinigung Produktionsleiter bei Optima, dann ging es der DDR nicht nur darum, Devisen heranzuschaffen. "Mit unseren Dumping-Preisen haben wir doch auch die Preise der westdeutschen Hersteller verdorben und damit das westliche Wirtschaftssystem gestört."

Jetzt zahlen die ostdeutschen Unternehmen die Zeche der ruinösen Preispolitik. Um die Kosten zu decken, muß den von Billigpreisen verwöhnten Großeinkäufern aus dem Westen jeder Pfennig abgehandelt werden. Wenn es ums Geld geht, nutzt auch der auf patriotische Gefühle zielende Hinweis auf die "Thüringer Qualitätsprodukte" nichts. So ist ein großes Versandhaus, das im vergangenen Jahr noch 20 000 Schreibmaschinen bestellt hatte, schon abgesprungen.

Doch Dieter Sturm hat noch einige Trümpfe im Ärmel? um seine geplante Jahresproduktion von 200 000 an den Mann zu bringen. Da ist zum Beispiel ein Termin mit den Beamten vom Beschaffungswesen des Deutschen Bundestages: Die Verkaufsshow für die Beamten und Bundestagsabgeordneten ist für Ende April anberaumt. Dieter Sturm will die Parlamentarier bei ihrer Ehre packen: "Die sollen nicht nur die Verbraucher auf Ost-Produkte einschwören. Sie sollen endlich selber kaufen." Darüber hinaus wird Optima zusammen mit dem Büroartikelhersteller Leitz neue Heftklammergeräte produzieren, die demnächst vorgestellt werden. Von der Zusammenarbeit ist Dieter Sturm begeistert. "Die haben alles im voraus bezahlt – von der Entwicklung bis zu den Werkzeugen."