Kommt Afghanistan nach zwölf Jahren blutigen Gemetzels nun endlich zur Ruhe? Am vergangenen Freitag hat Uno-Generalsekretär Boutros Ghali einen neuen Friedensplan vorgestellt, dem die Bürgerkriegsparteien – mit Ausnahme der radikalen Islamisten – sofort zugestimmt haben. Danach soll noch in diesem Monat ein fünfzehnköpfiger "Rat unabhängiger Afghanen" die Macht in Kabul übernehmen. Kommt es dazu, wäre das eine sensationelle Wende zum Frieden am Hindukusch.

Ghali schlägt ein Blitz-Programm vor; er reagierte postwendend auf Meldungen aus Kabul, nach denen das Regime des einst aus Moskau eingesetzten Statthalters Mohammed Nadschibullah kurz vor dem Ende steht. Um zu verhindern, daß die Kämpfe angesichts des Machtvakuums in Kabul wieder aufflammen, will Ghali eilends eine von allen Bürgerkriegsparteien getragene Übergangsregierung einsetzen.

Damit ist der Fünf-Punkte-Plan Makulatur, den Ghalis Sonderbeauftragter für Afghanistan, der Zypriote Benon Sevan, in den vergangenen Monaten mühsam ausgehandelt hatte. Weil die Zeit drängt, soll der Stufenplan zum Frieden nun auf eine Verhandlungsrunde verkürzt werden. Offen ist noch, ob es am 28. April in Wien zur vorgesehenen "Versammlung von Afghanen" kommen wird. Um diese Friedenskonferenz mit 150 Delegierten aller Konfliktparteien zu ermöglichen, hatte Uno-Unterhändler Sevan dem Kabuler Machthaber im März die öffentliche Zusage abgerungen, er werde zurücktreten.

Am vergangenen Donnerstag erklärte Nadschibullah plötzlich, er wolle mit dem Rücktritt nicht bis zum 28. April warten – wahrscheinlich, weil er fürchtet, sich nicht mehr so lange halten zu können.

Mohammed Nadschibullah ist wie eine Katze mit sieben Leben. Als der letzte Sowjetsoldat Afghanistan am 15. Februar 1989 verließ, mochte niemand auch nur eine Kopeke auf Moskaus Satrapen verwetten. Doch er überstand einen Putschversuch ebenso wie die Dauerbelagerung der Mudschaheddin; er reformierte die stalinistische Staatspartei, wandte sich vom Atheismus ab und organisierte den Nachschub durch die feindlichen Linien in die eingeschlossene Hauptstadt Kabul. Jetzt scheint wirklich das Ende bevorzustehen: Ethnische Spannungen im Regierungsapparat, die akute Versorgungskrise und eine Militärrevolte, das ist selbst für den gewieften Taktiker Nadschibullah zu viel auf einmal.

Scheitert die friedliche Machtübergabe in Kabul, droht der Vielvölkerstaat zu zerfallen. Längst haben Kampfgruppen der Stämme und Volksgruppen die Kontrolle über ihre jeweiligen Rayons übernommen. Immer mehr Tadschiken und Hazaras, Usbeken und Turkmenen, Nuristaner und Balutschen widersetzen sich den Machtansprüchen des Mehrheitsvolkes der Paschtunen. Viele Paschtunen wiederum liebäugeln mit der Idee eines vereinten Paschtunistan, das die Nordwestprovinz Pakistans einschließen würde.

Die Angst vor der Störung der labilen ethnischen Balance in dieser Weltgegend war einer der Gründe für die radikale Wende in der pakistanischen Afghanistan-Politik. Mehr als zehn Jahre lang hatte der pakistanische Militärgeheimdienst ISI die Mudschaheddin, allen voran die islamischen Fundamentalisten, ausgebildet und amerikanische Waffen an sie weitergereicht. Das alles mit dem Ziel, eine von Pakistan abhängige, islamistische Regierung in Kabul einzusetzen.