Von Stefan Howald

Art Spiegelman ist der beste Propagandist seines eigenen Werks. Wie er da in einer englischen Buchhandlung sein neues Buch vorstellt, seine Comiczeichnungen erläutert, versprüht er geradezu Witz und Scharfsinn. Mit einem Satz fährt er einem Redner in die Parade, der ihm vorwirft, den Rassismus bei sich zu Hause in den USA vernachlässigt zu haben; im nächsten Satz ironisiert er die Erwartungen, die an ihn als Gewissen der Comicnation geknüpft werden; dann unterbricht er ein feingesponnenes Wortspiel mit einer drastischen Selbstbezichtigung über den Schwulst, den er daherrede.

„Maus“ heißt das Werk des 44jährigen Spiegelman. Es hat Comicgeschichte gemacht. Der neue, zweite Band ist in den USA, kaum an den Handel ausgeliefert, bereits ein Bestseller. Er hat wie der erste die Verfolgung der Juden zum Thema, das Schicksal der Menschen in den Konzentrationslagern – und wieder zeichnet Spiegelman seine Protagonisten als Tiere: Deutsche als Katzen, Juden als Mäuse. In der vergangenen Woche hat Art Spiegelman für die beiden Teile von „Maus“ den Pulitzerpreis erhalten.

Schon als „Maus. Geschichte eines Überlebenden, Teil I“ 1986 in den USA und 1989 auch auf deutsch erschien, war das Aufsehen enorm: Erstmals nahm sich das Medium Comic eines so ernsthaften Themas wie der Judenvernichtung und des Antisemitismus so ernsthaft an.

Spiegelman hat diesen Medienrummel im zweiten Band verarbeitet – auch die Schwierigkeiten, in die ihn der Erfolg brachte, eine eineinhalbjährige geistige Blockade, bevor er sich an die Fortsetzung machen konnte. Er gesteht im Gespräch ohne Umschweife zu, daß das Aufsehen auch mit der Art des Mediums zusammenhängt: „Wenn jemand zu malen beginnt, lastet die Tradition von Jahrhunderten auf ihm. Die Geschichte der Comics läßt sich, wenn nötig, in zehn Minuten verdauen.“ Das ist aber wohl nicht wörtlich zu nehmen – Art Spiegelman selbst liefert den besten Gegenbeweis: als Kunstdozent in New York und Herausgeber des faszinierenden Avantgarde-Comicmagazins Raw, das immer wieder neue Dimensionen des Comic strips eröffnet, vermag er prägnant Einflüsse und Entwicklungen in seinem Medium zu referieren.

Die Tiermetapher beispielsweise steht in einer Tradition des Genres – mit den populärsten Beispielen Donald Duck und Mickey Mouse – und ist zugleich eine politisch präzise Aussage. Die Nazis haben versucht, die Juden wie Ungeziefer auszurotten, und die Kriegszeit hat die Menschen nationalrassistisch bestimmt. In seinen Comics setzt Spiegelman dies konsequent um, indem er nicht bloß die Juden als Mäuse und die Deutschen als Katzen, sondern auch die Polen als Schweine, die Amerikaner als Hunde, die Franzosen als Frösche, die Engländer als Fische, die Schweden als Elche zeichnet. Doch er bricht im zweiten 3and die Metapher stärker auf als im ersten; etwa wenn er sich bei seinem eigenen Auftritt in der Rahmenhandlung fragt, ob er seine französische Frau, die ihn, den Juden, geheiratet hat, als Fröschin oder Mäusin zeichnen soll. Oder wenn er sich gar als Zeichner zeichnet, eine Mausmaske umgebunden. „Das Leben“, sagt er, „besteht aus Rollen, in die wir gezwungen werden, als Staatsbürger, auch als Söhne.“

Dies ist der zweite Strang des Buchs: die Erinnerung von Art Spiegelman an seinen Vater Vladek – und der Versuch, dessen Erfahrung zu vergegenwärtigen. Der zweite Band von „Maus“ ist reicher in Themen und Motiven als der erste, und dunkler zugleich. Der erste Band zeigt das Aufwachsen und Leben von Vladek Spiegelman in Polen, sein Überleben unter deutscher Besetzung und Judenhatz, und endet mit Vladeks Eintreffen in Auschwitz 1944. „Maus II“ stellt Auschwitz selbst in den Mittelpunkt. Vladek ist als einer der wenigen dem industrialisierten Massenmord entronnen, und Art Spiegelman hat von 1978 an während der Arbeit an „Maus“ versucht, Vernichtung und Rettung zu verstehen. Auschwitz, so zeigt diese „Geschichte eines Überlebenden“, war als Vernichtungsmaschinerie auch ein eigenes Universum, mit eigenen schrecklichen Gesetzen. Vladek überlebt darin, mit unbeugsamem Willen und horrender Anpassungsfähigkeit. Er kann sich lange einen Platz in der KZ-Werkstatt sichern, und erst als er Ende 1944 nach Dachau verfrachtet wird und dort die Gesetze noch schrecklicher und kaum mehr berechenbar werden, erst hier, sagt Vladek, „begannen meine Schwierigkeiten“.