Von Jürgen Dahl

Die Orlows waren grobe Grafen, ja, sie wurden überhaupt erst zu Grafen gemacht, weil sie so grob waren. Vor allem Grigori und Alexei halfen der Großfürstin Katharina beim Sturze ihres Gatten, des Zaren Peter III., wobei es Alexei war, der den armen Peter eigenhändig erdrosselte. Grigori, dem die derart zur Zarin gewordene Katharina zeitweise so zugetan war, daß daraus die Familie der Grafen Bobrinskij entsprang, schenkte ihr den nach ihm benannten Orlow-Brillanten, betrug sich aber sonst ziemlich rüde, so daß Katharina ihm schließlich den Fürsten Potemkin vorzog.

Unsere Orlows sind nicht rüde, sondern zutraulich und sensibel. Unbegreiflich, wie man überhaupt darauf verfallen konnte, diese schöne Hühnerrasse, die im Jahre 1910 aus Moskau nach Deutschland gekommen ist, auf den Namen Orlow zu taufen.

Die Orlows haben es meist sehr eilig, rennen auf hohen Beinen unmäßig viel und gehen deshalb früher schlafen als andere Hühner. Ihren Hals tragen sie hoch aufgerichtet, ihr Gefieder ist mahagonifarben mit weißen Sprenkeln, und die länglichen Eier haben etwas Elegantes. Selbst der Hahn ist durch und durch friedfertig, im Gegensatz zu unserem rassemäßig undefinierbaren Landhuhn-Hahn, der jede Gelegenheit nutzt, uns anzugreifen, am liebsten aus dem Hinterhalt. Seit ich einen kleinen Jungen kenne, dem der Hahn ein tiefes Loch in die Backe gepickt hat, kann ich aggressive Hähne nicht mehr komisch finden, sondern versuche mich mittels eines Haselsteckens in der Hackordnung nach oben zu arbeiten, bisher ohne Erfolg – er weiß ja nicht, daß er, wenn es mir zu dumm wird, dem Orlow-Hahn weichen muß, so wie einst der Orlow dem Potemkin.

Hühner gehören zum Landleben. Erstens natürlich wegen der unübertrefflichen Eier, die nicht nur zum Selberessen taugen, sondern auch ein beliebtes Gastgeschenk sind. Und zweitens wegen der Töne, mit denen sie die Gartenarbeit begleiten: Die Hennen gackern, die Hähne krähen und bekommen von weither Antwort. Am schönsten sind aber die Geräusche, die sie abends machen, wenn sie schon auf der Stange sitzen und merken, daß man kommt, um den Stall zu schließen: Dann gurren und reden sie wie im Halbschlaf, wahrscheinlich von Würmern und Körnern, und es hört sich sehr rührend an.

Beim Frühstück am Ostfenster sehen wir, daß die Pracht der Vorfrühlingsblüher nun endgültig dahin ist. Es war eine hinreißende Aufführung: Die Mahonie ‚Winter Sun‘ mit ihren schwefelgelben Blütenkerzen; ‚Jelena‘, eine Zaubernuß-Züchtung mit kupferfarbenen Blüten (Freund Günter kennt die Jelena, nach der die Sorte benannt ist, und versichert, sie sei eine der verehrungswürdigsten Gärtnerinnen); die wie aus Porzellan geformten Blüten eines Schneeballs (Viburnum bodnantense); die cremefarbenen, in Trauben hängenden Blütenglöckchen der Schweifähre; und die intensiv nach Mandeln duftenden weißen Blüten der Schneeforsythie (Abeliophyllum).

Sie alle haben vom Februar bis weit in den März hinein geblüht und haben uns geholfen, den Wetterbericht ("...von Norden einströmende kalte Meeresluft") mit Fassung zu ertragen.