ZDF, Karfreitag, 17. April, 16.45 Uhr: "Vertrauen wie Feuer"

Der Film von Johannes Neuhauser hat einen prätentiösen Titel, und er ist auch in seinem Ton ganz und gar ein Karfreitagsfilm: Fernsehen als Andacht. Wer sich davon nicht schrecken läßt, kann hier Näheres über Taizé erfahren, eines der wichtigsten spirituellen Zentren Europas, wie es heißt. Was ist ein spirituelles Zentrum? Zunächst dies: ein Ort, wo Menschen Dinge tun, die mit den Begriffen der ökonomischen oder politischen Logik nicht zu fassen sind. Sie seien verblendet, sagen die einen, sie seien erleuchtet, sagen die anderen. Was dort geschieht, hat also offenbar mit Licht zu tun.

Taizé ist ein kleines Dorf in Burgund. Zu Tausenden kommen hier junge Leute zusammen, aus aller Welt. Was suchen sie? Die meisten wissen es nicht. Aber sie kommen dennoch, was eigentlich unlogisch ist. Sie suchen nach "tragfähigen Lebensmodellen", heißt es im Kommentar. Sie finden zumindest dies: andere, die auch auf der Suche sind.

Vor mehr als fünfzig Jahren kam Roger Schutz in das burgundische Dorf, das damals fast ausgestorben war. Er ernährte sich zuerst von Brennesseln und Schnecken, dann kam eine Kuh dazu, Land, Gebäude. Als die Nazis Frankreich besetzt hatten, versteckte Frere Schutz Flüchtlinge und brachte sie über die spanische Grenze. Er gründete die ökumenische Mönchsgemeinschaft von Taizé, die heute ausschließlich von eigener Arbeit lebt, keine Spende, keine Erbschaft annimmt. Was die Mönche tun, ist gegen jene ökonomische Vernunft, die für fortschrittlich hält, was das Leben bequemer macht. In Taizé lebt man unbequem. Dennoch würden wohl auch Ökonomen diese Gemeinschaft für sehr erfolgreich halten.

Worin drückt sich ihr Erfolg aus? Menschen kommen zu Tausenden, aber sie tun nichts, was ihr Kommen in politischer oder ökonomischer Weise rechtfertigte. Sie gründen keine Parteien, verfassen keine Manifeste, sie produzieren nichts, was über ihren Bedarf hinausginge. Sie handeln gegen die Logik, die die aufgeklärte Welt beherrscht. Ein Ferienlager? Dafür ist es nicht komfortabel genug. Was dann? Junge Leute, die sich niederbeugen und beten, die sich aufrichten und singen, die die Zeit verleben, ohne sie zu nutzen. Die sich nicht treiben lassen, sondern ihre Zeit aushalten.

Es findet eine spezifische Entwertung statt, wenn Menschen sich treiben lassen. Sie werden sich und anderen weniger wertvoll, wenn sie inneren und äußeren Zwängen folgen. Vielleicht ist es das Gefühl, etwas wert zu sein, das junge Leute dort suchen, wo man nicht den modernen Zwängen der "Verbequemlichung" folgt. Wo man nichts Bestimmtes zu erwarten hat und etwas Unbestimmtes doch, wonach man sich sehnt, weil es ja eigentlich der ganzen europäischen Kultur zugrunde liegt, im Alltag aber nicht mehr aufzufinden ist.

Die andere Logik: daß einer, daß dieser Frere Roger Schutz über die "Smokey Mountains" geht, die Müllberge von Manila, auf denen sich Zehntausende (Menschen!) angesiedelt haben, die vom Abfall der Großstadt leben. Er geht über den Abfall, nimmt ein paar Kinder an die Hand, das ist schon alles. Daß diese Großstadt so viel Unrat produziert, liegt in der Logik ökonomischer Gesetze, daß die Armen sich davon nähren, ebenfalls. Was Frere Roger tut, ist unlogisch. Es ist genauso unlogisch wie der Begriff der Menschenwürde. Martin Ahrends