Am 7. Februar 1992 hat der Philosoph und Religionswissenschaftler Eckhard Nordhofen in der „Reihe Revision“ (Nr. 13) des ZEIT-Feuilletons die Studie „Kunst und Fortschritt“ des 1909 in Wien geborenen Kunst- und Kulturhistorikers Ernst H. Gombrich vorgestellt, unter dem Titel „Das Prinzip Gleichgültigkeit“. Daß gleichgültig auch als gleich gültig, gleich wertig gelesen werden kann, möchte der bedeutende Gelehrte, der jahrelang das Warburg-Institut in London geleitet hat, nicht wahrhaben. Gern drucken wir seine Entgegnung.

Erst jetzt habe ich Ihr Feuilleton vom 7. Februar mit der Überschrift „Das Prinzip Gleichgültigkeit – Über Ernst H. Gombrich“ von Eckhard Nordhofen zu Gesicht bekommen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, welchen Zweck Sie mit dieser Serie verfolgen, aber der betreffende Aufsatz ließ mich an zwei Begriffe des österreichischen Rechts denken: der Versuch am untauglichen Objekt und der Versuch mit untauglichen Mitteln. Ich bin wahrhaftig ein untaugliches Objekt für eine derartige Revision: Ich habe mich nie für einen „wichtigen Denker dieses Jahrhunderts“ gehalten, der irgend etwas „voraussehen“ wollte. Als Kunst- und Kulturhistoriker halte ich mich natürlich nicht für unfehlbar, aber es sollte mich wundern und kränken, wenn ich je meine Leser „in die Irre geführt“ hätte. Ob meine bescheidenen Antworten auf konkrete Fragen jemandem „über die Jahrtausendschwelle hinweg weiterhelfen können“, macht mir wenig Sorgen, solange sie nämlich richtig waren.

Es obliegt mir leider nun auch zu erklären, warum der Angriff auf mich einen „Versuch mit untauglichen Mitteln“ darstellt. Nordhofen schreibt: „Eine wertfreie Kunst gibt es nicht. Eine wertfreie Kunstgeschichte gibt es nicht.“ Wo anders kann er das gelesen haben als bei mir? Zum Beispiel im Vorwort zu meinem Buch „Die Krise der Kulturgeschichte – Gedanken zum Wertproblem in den Geisteswissenschaften“. Dort heißt es: „Es ist mir ganz unverständlich, wie man das Werturteil sozusagen als eine Form der Unreinheit betrachten kann, die aus unserer Forschung ausgeschieden werden sollte“, und weiterhin, es „ging mir darum, daß der heutzutage allzu beliebte KulturRelativismus unvermeidlich zum Absterben der Geisteswissenschaften führen müßte“. Habe ich meine Plenaransprache an den V. Internationalen Germanistenkongreß in Göttingen (1985) und viele weitere Schriften dem Kampf gegen diese bedrohliche Modekrankheit gewidmet, nur um mir öffentlich vorhalten zu lassen, ich vertrete das „Prinzip Gleichgültigkeit“?

Der Autor hat offenkundig alle diese Schriften nicht gelesen. Er bezieht sich einzig und allein auf meine Studie „Kunst und Fortschritt“. In den betreffenden zwei Vorträgen, die auf englisch „Ideas of Progress and Their Impact on Art“ (1971) hießen, ging es mir darum, „die verschiedenen Auffassungen des Fortschrittsbegriffs auseinanderzuhalten“ und zu versuchen, sie „einzeln herauszupräparieren“. Ich nenne dort den ältesten Begriff den instrumentalistischen, denn in der Verfertigung von Werkzeugen und Instrumenten kann man gewiß von Fortschritt sprechen. So versuche ich zu zeigen, daß die verbreitete Vorstellung von Aufstieg, Blüte und Verfall einer Kunstart sich tatsächlich auf diesen Instrumentalismus stützt, der in der Poetik von Aristoteles vorgebildet war und etwa in der Chronik der Renaissancekunst von Giorgio Vasari (1550) seine einflußreichste Ausprägung erhielt. Diese Feststellung, die natürlich nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat, hat meinen Gegner offenbar rasend gemacht. Er gehört anscheinend zu den vielen unter unseren Zeitgenossen, die nichts für die Renaissance übrig haben und die erhabene Strenge byzantinischer Ikonen der Lieblichkeit von Raphaels Madonnen vorziehen. Er hält die Renaissance für einen „Rückfall in hellenistische Diesseitigkeit“, eine längst überholte Deutung, die im vorigen Jahrhundert sehr verbreitet war und deren Wurzeln ich gerade in jener Studie aufzudecken suchte.

Tatsächlich bin ich dieser modischen Verketzerung der großen Meister nie gleichgültig gegenübergestanden. In meiner „Geschichte der Kunst“ schrieb ich über Michelangelos Erschaffung Adams: „Es ist eines der größten Wunder der Kunst aller Zeiten, wie Michelangelo es fertigbrachte, die Berührung der Hand Gottes zum Mittelpunkt des Gemäldes zu machen und uns den Begriff der Allmacht durch die Leichtigkeit und bezwingende Gewalt dieser schöpferischen Gebärde vor Augen zu führen.“

Gleichgültig klingt das ja kaum. Aber das meint Eckhard Nordhofen auch gar nicht. Er hält es mit den Bilderstürmern, denen jede sinnliche Darstellung des übersinnlichen Schöpfers, widersprüchlich scheint. Aber weiß er auch, wohin es führt, wenn man uns alle Kunstwerke nehmen will, deren Gedankenwelt der unseren nicht entsprechen? Wie steht es dann mit Homer? Mit Dante? Mit Shakespeare? Muß man Buddhist sein, um die verklärte Ruhe des meditierenden Buddhas zu bewundern, oder Taoist, um chinesische Landschaftsmalereien zu schätzen? Verhelfen uns nicht gerade umgekehrt solche Schöpfungen dazu, der fremden Weltanschauung näherzukommen? Gerade diese Offenheit verwechselt Nordhofen mit Gleichgültigkeit. Hätte er sich die Mühe genommen, ein wenig in meinen Schriften zu blättern, wäre er vielleicht sogar auf den Satz gestoßen, der sich mit dieser Einstellung ausdrücklich auseinandersetzt und auch erklärt, warum ich ihre Vertreter bedauern muß: „Der Bildungskult des 19. Jahrhunderts, der in der Erhebung durch das Kunsterlebnis einen zu nichts verpflichtenden Religionsersatz fand, hat viele echte Freunde der Kunst abgestoßen. Daher finden es junge Menschen heute schwer, jenes Gefühl der Ehrfurcht zu teilen, das frühere Generationen den klassischen Meisterwerken der Dichtkunst, Malerei und Musik entgegenbrachten, weil in ihnen die Hoffnung und die Tröstung einer Welt, in der Werte Wirklichkeit geworden waren, beschlossen lagen.“

Aber es war durchaus kein „belesener Greis“, sondern der junge Wilhelm Wackenroder, der vor beinahe zweihundert Jahren seinen Zeitgenossen zurief: „O so ahndet euch doch in die fremden Seelen hinein, und merket, daß ihr mit euren verkannten Brüdern die Geistesgaben aus derselben Hand empfangen habt! Begreifet doch, daß jedes Wesen nur aus den Kräften, die es vom Himmel erhalten hat, Bildungen aus sich heraus schaffen kann und daß einem jeden seine Schöpfungen gemäß sein müssen. Und wenn ihr euch nicht in alle fremden Wesen hineinzufühlen und durch ihr Gemüt hindurch Werke zu empfinden vermöget; so versuchet wenigstens, durch die Schlußketten des Verstandes mittelbar an die Überzeugungen heranzureichen.“ So habe ich’s ein Leben lang gehalten.

London, im März 1992 Ernst H. Gombrich