Von Peter Grubbe

Seit über einem Jahr ist der Irak in aller Munde. Über das Nachbarland, den Iran, wird heute dagegen nur verhältnismäßig selten gesprochen. Dabei war der Iran letztlich eine der Hauptursachen des Golfkonflikts. Denn das Regime Chomeinis hatte, unter anderem, den Westen dazu veranlaßt, den Irak als Hauptfeind der Ajatollahs so aufzurüsten, daß Saddam Hussein sich schließlich stark genug fühlte, Kuwait zu überfallen und damit den Westen herauszufordern. Und die schwere Niederlage Bagdads hat wiederum automatisch eine Stärkung des Irans zur Folge gehabt.

Wenn der „Gottesstaat“ der Ajatollahs in der weltweiten Diskussion über die weitere Entwicklung im Nahen Osten derzeit trotzdem eine verhältnismäßig geringe Rolle spielt, liegt das vermutlich weniger an einer Unterschätzung der politischen Bedeutung dieses Landes als vielmehr an fehlenden Informationen und weitverbreiteter Unkenntnis dessen, was in diesem potentiell reichen Ölstaat heute vorgeht.

Das Buch von Gerhard Schweizer versucht, diese Lücke zu schließen. Der in Wien lebende Kulturwissenschaftler informiert seine Leser aber nicht nur über die heutige politische und wirtschaftliche Situation dieses 53-Millionen-Staates, sondern er schildert auch die historische Entwicklung des zweieinhalb Jahrtausende alten persischen Reiches zwischen Asien und Europa – von dem Religionsgründer Zarathustra bis zu dem kürzlich verstorbenen „Religionsretter“ Chomeini und dessen Nachfolgern. Damit schafft er überhaupt erst die Voraussetzung für das Verständnis der heutigen Vorgänge dort.

Die persische oder heute iranische Kultur ist älter als die benachbarte arabische. Aber die Iraner sind auch Moslems, wenn auch Schiiten und nicht Sunniten wie die meisten Araber. Und auf der Basis der gemeinsamen Religion hat sich der Iran trotz seiner konfessionellen Abspaltung seit Jahrhunderten mit den Siegen und der politischen Ausbreitung des Islams identifiziert. Daher löste das Vordringen der europäischen Kolonialmächte, also der „Ungläubigen“, im vorigen Jahrhundert bei dem stolzen und selbstbewußten persischen Volk einen ähnlich tiefen Schock wie bei den Arabern aus.

Hier liegt für Schweizer der Schlüssel für die politische Entwicklung des Landes im 20. Jahrhundert. Die erste Reaktion auf die Invasion der Kolonialmächte war eine Hinwendung zum Nationalismus. Dem Beispiel Atatürks in der benachbarten Türkei folgend, stürzt der Kosakenoffizier Reza Khan die schwächliche Kadscharen-Dynastie und besteigt 1925 selbst als Schah den Pfauenthron. Nach türkischem Vorbild versucht er, auch Persien zu einem modernen, westlich orientierten Land zu machen. Hierbei gerät er zunehmend in Konflikte mit der islamischen Geistlichkeit, die seinen Modernisierungsbestrebungen ablehnend gegenübersteht.

1941 besetzen Briten und Russen das Land und setzen den Schah, der seine Sympathie für Hitler-Deutschland nicht verhehlt, kurzerhand ab. Zehn Jahre später verstaatlicht der von seinem Sohn eingesetzte Ministerpräsident Mossadegh die Ölindustrie, wird jedoch, da die „Kolonialmächte“ abermals eingreifen, nach zwei Jahren von der CIA gestürzt. Der Iran wird praktisch zu einer amerikanischen Kolonie. Damit ist das nationalistische Experiment gescheitert, und es schlägt die Stunde der Ajatollahs.