Wie John Major die Auguren verblüffte und die Labour Party demoralisierte

Von Jürgen Krönig

London, im April

Ein gewisser Mr. Green aus Shepherds Bush hatte im Januar einen Traum: Er träumte, die Konservativen würden bei den Unterhauswahlen 335 Sitze und damit eine regierungsfähige Mehrheit gewinnen. So beeindruckt war er von seiner Eingebung, daß er sie brieflich der politischen Redaktion des vierten Fernsehkanals mitteilte.

Es ist nicht bekannt, ob die beharrliche Siegeszuversicht, die John Major während der Wahlkampfwochen an den Tag legte, ähnlichen Quellen entsprang. Auf jeden Fall hat sein unerwartet klarer Erfolg alle widerlegt: die Meinungsforscher, die bis zum Schluß den Verlust der Tory-Mehrheit signalisierten und die jetzt um Anschlußaufträge aus Wirtschaft und Politik zittern; Journalisten und Diplomaten, die schon über die Zeit nach Major nachdachten; Liberaldemokraten und Labour, die sich bereits im Koalitionspoker verstrickt hatten, und nicht zuletzt jene rachsüchtigen Widersacher in den eigenen Reihen, die nur darauf warteten, in Majors Abfall von der "reinen Lehre" des Thatcherismus die Ursache für eine Niederlage zu suchen.

So schnell kann sich das Bild ändern. Gestern noch war John Major die "graue Maus", heute ist er der "Supermann"; eben noch wurden Pläne für seinen Sturz als Parteichef geschmiedet, jetzt wird er als "Vater des historischen Sieges" gefeiert. Major hat den Konservativen die Macht zunächst einmal für fünf weitere Jahre gesichert: Er hat sie in dem angenehmen Gefühl bestärkt, die natürliche Regierungspartei Großbritanniens zu sein. Die Wählerschelte überließen Labour und Liberaldemokraten gekränkten Kolumnisten und Kommentatoren, die den eklatanten Widerspruch zwischen Meinungsumfragen und Stimmverlusten zu erklären suchten. War es das schlechte Gewissen, das die Wähler den Demoskopen die falsche Auskunft geben ließ? Oder haben sich, wie Peter Jenkins vom Independent sarkastisch meinte, die Wähler das Vorbild der Politiker allzusehr zu Herzen genommen, die bekanntlich nur selten die Wahrheit zu sagen pflegen? Sunday Times-Kolumnist Robert Harris, von der Vorstellung fünf weiterer Major-Jahre sichtlich erschüttert, nannte die Briten zornig eine "Nation der Lügner". Die intellektuelle Linke hielt eine andere Erklärung parat: "Gier und Angst" hätten die Wähler erneut in die Arme der Konservativen getrieben.

Resignation und Ratlosigkeit