Wenn ich ein Dichter wär’ und auch zwei Flügel hätt’, flog’ ich nach Wien. Denn Wien ist die Stadt der Dichter. Beinahe jedes Haus in Wien ist ein Dichtergeburtshaus, jeder Kaffeehaustisch ein Dichterstammtisch, und auf dem Wiener Zentralfriedhof ist man als Nichtdichter nur noch ein totes Würstl. Deshalb ist Dichter sein und Wiener sein grob gesagt das beste, was ein Mensch werden kann.

Bisher war das Dichterwerden Glückssache. Seit kurzem kann auch der normale Mensch das Dichten lernen. Die neugegründete "Wiener Schule für Dichtung" leistete in der letzten Woche erste Dichter-Hilfe mit einem "Internationalen Symposion über die Lehr- und Lernbarkeit von Literatur". Zwölf Lehrer lehrten 120 Schülern in zwölf Dichterklassen vier Tage lang gegen geringes Entgelt das Dichten.

Zunächst, so fängt das Dichten an, muß der Schrott aus dem Kopf heraus. Dann muß die Poesie hinein. Dafür muß der Mensch viel lesen. Denn, sagt Gerhard Rühm: ein Dichter, der August Stramm und Oswald von Wolkenstein nicht kennt, wird immer so schlecht wie Kunert oder Kunze schreiben. Ein Stramm- und Wolkenstein-Ignorant bleibt nach Meinung des Professors ewig ein provinzieller Seelenschwitzer, ein B-Dichter und Uwe-Johnson-Nachfolger.

Aber wie wird aus einem B- ein A-Dichter? Die Lehrer der Dichterschule wußten allerlei Rat: Mach einen Spaziergang, achte auf alles Rote, Blaue etc.! Mach eine Liste! Schreib ein Gedicht in Form einer Wolke! Schreib in Tiersprache! Sei des Lobes voll, wenn du in der frostig kalten menschlichen Einsamkeit einen Charakter findest! Und vor allem: Put it out, make it new! Sagen die Amerikaner. Sei allein! Sei als Dichter geboren! Höre auf dein Mandl im Ohr! Laß Rowohlt vor dir erzittern, und wenn dein Gedicht nichts ist, schmeiß es in den Kübel! Sagen die Österreicher.

Und was dichtet ein guter Dichter? Ein guter Dichter weiß vor allem, was er nicht dichten darf. Zum Beispiel: "Der Wald wurde durch den Sturm hingemäht wie Streichhölzer." Auch sollte er auf H. C. Artmann hören und nicht immer von der eigenen Küche und "vom Klo, vom Klo, vom Klo" erzählen. Artmann, durch eine Sonnenbrille vorm Anblick seiner Schüler bewahrt, dozierte gutmütig über die deutsche Sprache ("Zuviel e"), die tote Konkurrenz ("Die Bachmann is a arrogante Gurkn"), den Blödsinn überhaupt und den Radiosender Bayern 4, der dem alten Dichter mehr bedeutet als alles andere.

Wolfgang Bauer übte in einem überraschend blauen Lehreranzug in seiner Wolfgang-Bauer-Klasse das Dichten schlechter Wind-Gedichte ("Ostwind, Westwind, Du-bringst-mir-die-Pest-Wind"). Denn Wolfgang Bauer hatte vor einigen Jahrzehnten die profunde Idee, daß schlechte Gedichte gute Gedichte sind. Und dabei bleibt es. In der Gerhard-Rühm-Klasse hingegen lernten die Schüler, wie man aus 48 zufälligen Wörtern die delikatesten Gedichte dichten kann ("es host das gläserne hüpfend als fischendes fischernes gehen der hose im stürm ohne knopf" oder "es fischt das glas die hose im knopf ohne stürm auf dem turm"), solange die Tinte reicht.

Aber A-Dichter wird man nicht nur als Schüler der Alt-Avantgardisten. In "verständnisinniger" Atmosphäre konnte der Dichterschüler bei einem Dozenten des ostdeutschen Johannes-R.-Becher-Literaturinstituts das Bedichten eines Brunnens erlernen. In der Nachbarklasse durfte er sich im multilingualen Versbau üben ("I want / i want / i want to be / bei mir"). Und bei der Direktorin der amerikanischen Jack-Kerouac-School hatte er die seltene Gelegenheit, dem Vortrag gefühlsechter Menstruationsgedichte beizuwohnen.