Von Klaus Schlesinger

1. Ich hatte mir fest vorgenommen, mich zu keiner schriftlichen Äußerung über jenes Ministerium hinreißen zu lassen, das wir einst die Firma nannten, aber seit jenem Montag im letzten Oktober, an dem ich in den Augen einiger Freunde und einer zwar begrenzten, doch einflußreichen Öffentlichkeit vom Objekt der Staatssicherheit zu deren geheimem Verbündeten, zum Spitzel, gemacht wurde, habe ich die Tage bis zu meiner Akteneinsicht gezählt und, als ich endlich den Termin bekam, auch die Stunden.

Als Christian, der Rechtsanwalt ist und meine Sache gegenüber der Gauck-Behörde vertrat, mich nach Wochen eines enervierenden Briefwechsels und einer unendlichen Zahl von Telephongesprächen anrief und mir mitteilte, wir seien am Ziel, es stehe nun fest, ich sei kein IM – kann sich niemand, der nicht in ähnlicher Lage war, vorstellen, was für ein Druck mir von der Seele wich. Kann sein, ich sagte ein wenig ungeduldig, daß ich das selbst am besten wisse, denn er pflichtete mir sofort bei: „Natürlich, natürlich!“ und fügte, nach kurzer Pause, eine dieser schrecklichen adversiven Konjunktionen hinzu, die einem die beste Nachricht verderben können. Er sagte: „Aber...“

Er sagte mir auch noch einen bestimmten Tag und eine bestimmte Stunde, und so fuhr ich den Dienstag darauf zum Haus 49 in die Normannenstraße, wo einst die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit war. Ich war für diesen naßkalten Tag viel zu dünn angezogen, lief in meiner Aufregung in den falschen Eingang und irrte eine halbe Stunde durch das weitläufige Gelände, auf dem sich Gebäude von mindestens vier Baustilen vereinigen, wenn es erlaubt ist, im Zusammenhang mit der Architektur der letzten fünfzig Jahre von Stil zu reden.

Ich war durch und durch blaugefroren, als ich endlich einem Mann gegenüberstand, der Schwalm hieß, eine Art Ledersack schleppte und sich als mein Betreuer vorstellte. Bevor er die Akten auspackte, nahm er mich beiseite. Er hatte sie, wie er sagte, vorbereitet, daß heißt, er hatte sie im Hinblick auf schutzwürdige Interessen Dritter (oder Vierter und Fünfter) gelesen. Ich stellte mir nun vor, wie einem Mann zumute sein muß, der den lieben langen Tag fremde Akten liest, aber richtig verstand ich erst später, warum er manchmal so einen verlorenen Blick hatte.

Im Lesesaal war ich die erste Zeit ganz alleine bis auf eine amtliche Person, die aufpassen mußte, daß ich nicht irgendein Dokument oder ein Photo in die Tasche steckte. Das war auch nötig, denn mehrmals war ich nahe daran, es zu tun. Ich dachte, eigentlich gehört mir das alles, alle Wahrheiten, alle Dummheiten und alle Lügen, die ich fand. Was geht das andere Leute an?

2. Am Abend des vierten Tages der Akteneinsicht ging ich zu einem Interview mit Hans-Georg Soldat in den Rundfunksender Rias. Er fragte mich nach meinen ersten Eindrücken, und ich gab, schon ganz sicher, zur Antwort, ich fühlte mich wie einer, der einen Roman lese, dessen Hauptfigur er sei. Ich sagte noch, daß die Struktur dieses Romanes der europäischen Moderne entlehnt sei, in dem die Figuren aus Blicken entstehen, die andere Figuren auf sie werfen. Natürlich entstehen sie nicht nur aus Blicken, auch aus belauschten Gesprächen, unterschlagener Korrespondenz, alten Personalbögen und was sonst noch so zwischen den Aktendeckeln zu finden ist.