Von Michi Strausfeld

Virginia Woolf. Ciarice Lispector. Herta Müller. Jamaica Kincaid: Jeder dieser Namen weckt für mich die Assoziation an eine ursprüngliche und eigenwillige Erkundung der Welt, gesehen und geschrieben aus der Sicht einer genau beobachtenden Frau. Eine unverwechselbar feminine Literatur, die jedoch kein Etikett braucht, im Gegenteil, durch ein solches eingeengt würde.

Jamaica Kincaid, 1949 auf der Karibikinsel Antigua geboren und seit den siebziger Jahren in New York lebend, beschäftigt sich in ihren Erzählungen und zwei Romanen vor allem mit der Mutter, der sie in einer Art Haßliebe verbunden ist, und ihrer Kindheit im scheinbar tropischen Paradies. Ein bislang schmales und weitgehend autobiographisches Werk, das von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens spricht.

Lucy, neunzehn, kommt als Au-pair-Mädchen nach New York, im Januar. Der Klimaschock könnte nicht gewaltiger sein. Aber die Kälte kommt nicht nur von außen: Alles ist fremd, und die Familie – der Mann, die Frau, die vier Mädchen – ist zwar freundlich, aber letztlich „unerträglich wunderbar“. Lucy versucht zu finden und zu verstehen: das Verborgene, die Leere hinter dem schönen Schein, die Angst hinter der Monotonie des geregelten Alltags, die wahren Empfindungen hinter der allgegenwärtigen Herzlichkeit, den Sinn hinter den Worten, die man miteinander wechselt.

Und so lebt sie, der „arme Gast“, in der neuen Welt, beginnt sich einzurichten, steht zwischen den Dingen und Kulturen, ist eine „Inbetween“. Aber sie wünscht auch keine Integration, sie möchte Außenseiterin bleiben. Vielleicht beobachtet sie deshalb so genau, erkennt früh, daß das Familienglück gefährdet ist, daß Unheil droht. In ihren Träumen kommt die Vergangenheit auf der Insel zurück, die Gerüche und Farben, das Licht, vor allem aber die Auseinandersetzungen mit der starken Mutter, deren unerschütterliche Liebe ein Alptraum ist, der sie in die Flucht getrieben hat.

Als der Sommer endlich auch in New York beginnt, zieht Lucy mit der Frau und den vier Mädchen in das Landhaus am See. Dort erzählen sich Mariah und sie viele Kindheitserinnerungen, unternehmen viel gemeinsam und werden fast Freundinnen. Dennoch wahrt Lucy zu allen Menschen Distanz, denn sie ist ja auf der Suche nach sich selbst und lehnt daher jede tiefere Bindung ab. Hat sie ein „kaltes Herz“, wie der Titel eines Kapitels heißt?

Als der Sommer zu Ende geht und die Familie wieder zurück nach New York zieht, gibt es viel Streit, und schließlich trennt sich das Ehepaar. Lucy lernt neue Menschen kennen, macht erotische Erfahrungen, bei denen sie die Gefühle möglichst ausklammert und beschließt, unabhängig zu werden, die Vergangenheit ganz abzuschütteln. Sie öffnet die Briefe ihrer Mutter nicht mehr, schreibt nicht und erfährt erst durch den Besuch einer Bekannten vom Tod des Vaters, der bereits vor einem Monat eingetreten ist. Die Mutter bittet sie zurückzukommen, sie auch finanziell zu unterstützen. Aber Lucy verweigert sich, schreibt einen kalten Brief, nein, zurückkommen wird sie nie wieder.