Schon zu seinen Lebzeiten war Thomas Manns Werk Gegenstand von außerordentlich vielen Beiträgen, Abhandlungen, Büchern, die jedoch in der Regel aus der Feder von Germanisten oder Literaturkritikern stammten. Die Sekundärliteratur über diesen großen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der mit seinen Wurzeln noch in das 19. Jahrhundert reicht, ist seither unablässig angeschwollen. Doch ist mit dem hier anzuzeigenden Band immerhin das Novum zu vermerken, daß sich auch die Jurisprudenz in durchaus ernster Absicht mit dem Werk Thomas Manns zu beschäftigen beginnt. Der Verfasser dieser Studie über „Thomas Mann und die Demokratie“ rechtfertigt sein Unternehmen mit dem Hinweis, in den Werken Thomas Manns finde sich eine Fülle staatsrechtlich und staatspolitisch relevanten Materials; Thomas Mann habe ein ausgeprägtes Interesse für die Probleme der rechtlichen und politischen Ordnung der Gesellschaft gehabt – Grund genug für den Autor, einen jungen Verfassungsrechtler, dieses über das gesamte Werk verstreute Material ans Licht zu heben. Er wählt für seine Untersuchung einen zentralen Begriff des staatsrechtlichen und politischen Interesses bei Thomas Mann, den der Demokratie, verfolgt ihn akribisch durch sein ganzes Werk hindurch und vergleicht ihn schließlich mit der staatsrechtlichen Diskussion.

Der Autor unternimmt also eine juristische Analyse der Demokratievorstellungen Thomas Manns, wobei er mit drei Schwierigkeiten zu kämpfen hat, die er folgendermaßen benennt: „Thomas Mann wollte und konnte sich als Schriftsteller auch bei seinen politischen Aktivitäten nicht der konventionalisierten juristischen Termini bedienen. Ferner war die Demokratie für ihn niemals eine bloße Staatsform, sondern ein komplexes gesamtgesellschaftliches Phänomen. Schließlich entzieht sich die Demokratie auch bei den Juristen bis heute einer allgemein anerkannten Begriffs- und Inhaltsbestimmung. Lediglich für die Demokratie des Grundgesetzes zeichnen sich schärfere Konturen ab.“

Das Thomas Mannsche Demokratieverständnis erweist sich in der Tat als ein Schlüssel, der einen neuen Zugang zu den politischen Aspekten seines Werkes eröffnet. Thomas Manns politisches Engagement als Schriftsteller wird bis in unsere Gegenwart hinein kontrovers beurteilt. Die Untersuchung von Frank Fechner ist gerade deshalb, weil sie als eine strikt juristische Dissertation angelegt ist, ein interessanter Beitrag zur Klärung dieser Kontroverse, die bislang vornehmlich unter Literaturwissenschaftlern und Literaturkritikern ausgefochten wurde. Es geht um die vom Autor der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ selbst provozierte Frage, ob und inwieweit er ein Unpolitischer gewesen und geblieben ist.

Der Autor hat sich bei seiner Spurensuche keineswegs nur auf das essayistische Werk Thomas Manns beschränkt, sondern auch charakteristische Stellen aus den Romanen und Erzählungen Thomas Manns einbezogen sowie seine Briefe und Tagebücher konsultiert. Das Ergebnis dieser höchst genauen Untersuchung ist, daß Thomas Mann nicht nur einen sehr weiten, flexiblen, manchmal auch vagen Demokratiebegriff verwendet, sondern über die Zeiten hin auch unterschiedliche Einstellungen zu Wesen und Wert der Demokratie gepflegt hat.

Der behutsame Analytiker des Thomas Mannschen Demokratieverständnisses teilt seine Untersuchung, entsprechend der historischen Entwicklung, in vier Phasen ein: Die erste umfaßt Thomas Manns antidemokratische Grundeinstellung im wilhelminischen Kaiserreich; die zweite betrifft Thomas Manns positive Hinwendung zur Weimarer Republik und ihrer Demokratie; die dritte Phase, beginnend mit der Emigration 1933 und endend mit der Niederlage Deutschlands 1945, ist die fruchtbarste: Sie entfaltet den Gedanken einer wehrhaften Demokratie und unterstreicht die Notwendigkeit eines ständig neu zu suchenden Ausgleichs zwischen der Idee der Freiheit und der Idee der Gleichheit. Die letzte Phase, nach dem Zweiten Weltkrieg, ist schließlich durch eine gewisse Enttäuschung Thomas Manns über das Unvermögen der westlichen Demokratien geprägt, sich zu wirklich sozialen Demokratien fortzuentwickeln und den Brückenschlag zum Sozialismus zu vollziehen. Der von der Qualität des Grundgesetzes überzeugte Jurist Fechner bedauert es, daß Thomas Mann sich zu dieser Verfassung des neuen Deutschland nicht mehr expressis verbis geäußert habe, sei doch darin eine Reihe von Ideen Manns „staatsrechtliche Realität geworden“. Er kommt zu dem bemerkenswerten Schluß, Thomas Manns „demokratierelevanten Äußerungen“ könnten dem Juristen auch heute eine Orientierungshilfe in Grundsatzfragen sein.

So wird diesem großen Schriftsteller, der gerade wegen seines politischen Engagements in Deutschland immer wieder ins Zwielicht gerückt wurde, ausgerechnet von Seiten einer besonders spröden und nüchternen Wissenschaft eine posthume Anerkennung zuteil. Fechners gediegene Untersuchung könnte den sterilen Streit darüber, wie politisch oder unpolitisch Thomas Mann gewesen sei, endlich zum Verstummen bringen. Es wäre an der Zeit. Kurt Sontheimer

  • Frank Fechner: Thomas Mann und die Demokratie

Wandel und Kontinuität der demokratierelevanten Äußerungen des Schriftstellers; Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1991; 371 S., 64,– DM