Lieber Klaus Poche,

Ihr offener Brief hat mich erschreckt und betrübt, weil Sie darin Gegensätze zwischen uns erörtern, die es nicht gibt. Würden Sie mich genauer kennen, wüßten Sie, daß die Gedanken und Absichten, die Sie aus einer Passage meines langen Gesprächs mit Adalbert Reif (von dem die Welt nur einen Auszug druckte) herauslesen, meine nicht sind. Als ich die von Ihnen mißverstandenen Sätze sagte, schien es mir überflüssig, darauf hinzuweisen, daß ich natürlich diese Ansichten von „Verrat“ nie teilte und nie teilen werde; das schien mir aus dem Kontext des Gesprächs schon genugsam hervorzugehen. Offensichtlich war das ein Irrtum, und Ihr Vorwurf der leichtfertigen Formulierung besteht zu Recht. Den „deutschen Konflikt“, den die ZEIT-Redaktion ihren Lesern schon ankündigt, wird es zwischen Ihnen und mir also nicht geben. Denn die Vorwürfe, die Sie mir machen, sind die, die ich mir selbst mache, und nichts liegt mir ferner, als die aus der DDR vertriebenen Autoren anzugreifen, zu verdächtigen oder ihr Verhalten zur eigenen Rechtfertigung zu mißbrauchen, mich also in die Rolle Walter von Molos von 1945 zu begeben, die mir der ZEIT-Vorspann schon zugedacht hat.

Keinen Streit also, sondern Wünsche und Grüße,

Ihr

Günter de Bruyn