Unter der Last der Altschulden können die ostdeutschen Unternehmen ihre Aufgaben nicht erfüllen

Von Hans Ulrich Heizer und Tobias Mündemann

Hanno Diederich vom Vorstand der Ostberliner Wohnungsgenossenschaft Humboldt-Universität eG plagen zur Zeit viele Sorgen. Obwohl die 3500 Wohnungen seines Unternehmens erst zwischen 1984 und 1990 gebaut wurden, ist der Beton der Plattenbauten schon sanierungsreif. Die Mieteinnahmen decken nicht einmal die Instandhaltungskosten, von der im Westen üblichen Abschreibung für den Wertverlust der Gebäude oder gar einer Eigenkapitalverzinsung ganz zu schweigen. „Allein um die Wohnungen auf das untere Niveau des westdeutschen sozialen Wohnungsbaus zu bringen, brauche ich 180 bis 220 Millionen Mark.“

Doch so viel will keine Bank vorstrecken. Die Genossenschaft besitzt noch nicht den Grund und Boden, auf dem ihre Häuser stehen, und solange sich die Grundstücksübertragung dahinschleppt, ist sie nur beschränkt kreditwürdig. Vor allem aber schiebt das Unternehmen einen riesigen Schuldenberg vor sich her, der noch zu DDR-Zeiten aufgetürmt wurde und jede Bank abwinken läßt: Die Eröffnungsbilanz vom Stichtag der Währungsunion im Juli 1990 weist Verbindlichkeiten in Höhe von 117 Millionen Mark aus. Diederich: „Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, kann ich nur beten: Hoffentlich erlassen sie mir die Altschulden.“

Erste Pläne aus Bonn

Dem Mann stehen noch viele schlaflose Nächte bevor. Denn die Gläubiger der ostdeutschen Wohnungswirtschaft, die Deutsche Kreditbank AG (DKB) als Nachfolgerin der aufgelösten DDR-Staatsbank sowie die Berliner Stadtbank AG, denken gar nicht daran, die Altschulden zu streichen. Im Gegenteil: Zwar wurde zwischen den Banken und den rund 1100 kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen in den fünf neuen Ländern bis Ende 1993 ein Zahlungsmoratorium für die Altverpflichtungen vereinbart, die Zinsen allerdings laufen weiter auf. Mit Ende des Zahlungsstopps werden die Schulden von derzeit 36 auf mehr als 50 Milliarden Mark angewachsen sein; vor allem auf Wohnungen aus den letzten Baujahrgängen der DDR werden dann bis zu 135 000 Mark lasten.

Obwohl die Altschulden erst in knapp zwei Jahren bedient werden müssen, lähmen sie schon jetzt die Investitionen im Wohnungsbau. Weil die Wohnungsunternehmen für die künftigen Verpflichtungen sogenannte „Drohverlustrückstellungen“ in ihre Bilanzen einrechnen müssen, sind sie weder liquide noch kreditwürdig. Staatliche Förderprogramme, etwa Modernisierungszuschüsse aus dem Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost, gehen größtenteils an den betroffenen Unternehmen vorbei, die immerhin 4,2 der insgesamt rund 7 Millionen Ostwohnungen verwalten. Mit ihren hochverschuldeten Wohnungsunternehmen im Rücken müssen viele Kommunen bereits andere Projekte hintanstellen – Aufsichtsbehörden bremsen die Kreditaufnahme.