Immer wieder wird der vielzitierte Schlußstrich unter die unbehagliche Vergangenheit vor allem von jenen herbeigesehnt, die sie miterlebten, die darüber erzählen könnten. „Es war einmal“, sagten sie, „das ist vorbei“ – und wollen offenbar nicht sehen, wie sehr sie sich irren. Denn der Schlußstrich, den sie unermüdlich zu ziehen suchen, wird ausgerechnet von ihren eigenen Nachkommen nicht akzeptiert. Viele der Nach-Nazi-Kinder leiden offenbar an einer Geschichte, die man ihnen verschwieg. Für sie ist die Vergangenheit, die sie nie erlebten, keineswegs vorbei. Zwar wurden sie in diese herrliche „Stunde Null“ hineingeboren und lernten erst ab null zu zählen, doch irgendwann begannen sie zu begreifen, daß das ferne und nebelhafte „Damals“ die Geschichte ihrer eigenen Eltern war und mit ihnen selbst zu tun hat. Sie, die das Schweigen der Eltern erbten und selbst darin verstummten, beginnen nun zu reden, zu fragen, zu zweifeln und zu wüten.

Eine von ihnen ist Sabine Reichel, 1946 in Hamburg geboren, aufgewachsen in den bigotten fünfziger Jahren. Wenn sie ihre Eltern angesichts der Trümmer um sie herum fragte, wer das alles kaputtgemacht habe, wurde ihr liebevoll geantwortet: „Herr Hitler hat das gemacht, Schätzchen“, und wenn das kleine, schon damals neugierige Mädchen fragte: „Warum?“ hieß es: „Er war gemein und verrückt, deshalb hat er den Krieg angefangen.“ Das war’s. Mehr gab es zu diesem Thema nicht zu sagen, und irgendwie wußte man als mehr oder weniger gehorsame Tochter, daß man besser nicht weiter fragte.

Das blieb auch in den nächsten Jahren so, auch dann noch, als die kleine Tochter ein aufmüpfiger Teenager wurde und die ersten Filme über die Massenmorde der Nationalsozialisten sah – mit ihrem Vater, der so entsetzt zuschaute wie sie selbst. Und doch – ein Gespräch gab es nicht. Irgend etwas stand dazwischen, eine undurchdringliche Nebelwand. Und das selbst in diesem Haus, in dem weder Mutter noch Vater Nazis waren, in dem es keine eigenen Taten zu verbergen galt. Man wollte „nur“ nicht darüber reden, wollte „nur“ nicht darüber Rechenschaft ablegen, wieso und wie man überlebt und womöglich doch versagt hatte. Und wagte die Tochter erregt zu fragen: „Mein Gott, wart ihr alle blind?“ bekommt auch sie die standardisierte Antwort zu hören: „Das verstehst du nicht, das war eine andere Zeit. Das läßt sich heute nicht mehr nachvollziehen.“

Erst sehr viel später, Sabine Reichel ist 36 Jahre alt, lebt in New York, beginnt sie neu über ihren Vater und ihre Mutter nachzudenken, beginnt, die beiden auszufragen und zu begreifen, warum sie das früher nicht tun konnte: „Ich war es, die Angst vor den Antworten hatte.“ Jetzt stellt sie fest, daß ihr Vater weder ein Held noch ein Feigling war und doch ein großer Verdränger, der behauptet, die Zeit unbeschadet überstanden zu haben. „Ich bin ein Glückspilz... Ich kam nach Hause, Frau und Kind, Eltern, Geschwister und Freunde waren alle noch am Leben. Es war eine wunderschöne Zeit nach dem Krieg.“ Er pocht auf Unversehrtheit und kann offenbar nur schwer verstehen, woran seine Tochter nun eigentlich leidet.

Und das tut sie, mit einer Vehemenz, die manchen von uns Nachkriegskindern eigen ist und nicht immer die Grenze zum Selbstmitleid als den Punkt respektiert, an dem es haltzumachen gilt. „Du denkst, Deutsche zu sein ist eine Bürde. Versucht mal mit Jüdin“, schreibt ihr eine Leserin auf ihr Buch, das 1989 in Amerika erschien. Die vorliegende deutsche Ausgabe ist keine Übersetzung, sie ist eine Neubearbeitung der Autorin. Und da verwundert es doch ab und zu, daß die erste Wut beim zweiten Schreiben so hemmungslos überlebte, daß sich keine Zweifel an der eigenen Gewißheit einfanden, keine Frage danach, wie man sich wohl selbst in diesem „Damals“ verhalten hätte, keine Beunruhigung darüber, daß dieser vermaledeite Satz des Vaters: „Das vestehst du nicht, das war eine andere Zeit“, natürlich auch ein Stück Wahrheit enthält.

Wir waren damals nicht dabei, wir sehen die Zeit im Rückblick, sehen das längst zusammengesetzte Puzzle. Wir können nicht wissen, ob wir mutiger gewesen wären, wir können nicht einmal sicher sein, ob wir den Mut gehabt hätten, hinterher zu reden, wir können nur mit Gewißheit sagen, daß das Schweigen falsch und furchtbar war. Und darüber gibt dieses Buch Auskunft: „Mehr als jede andere Nachkriegsgeneration war meine Generation diejenige, die nicht nur geschichtliche Aufklärung, sondern auch die emotionale Hilfe der Erwachsenen, die diese noch gar nicht so ferne Vergangenheit selbst erlebt hatten, am nötigsten gebraucht hätte.“ Genau das haben die Deutschen in ihrer Mehrheit nicht geleistet. Gedächtnisverlust und Gefühllosigkeit verbündeten sich zu einer verhängnisvollen Allianz, an deren Konsequenzen die nächste Generation schwer zu tragen hat.

Auch Sabine Reichel ist irgendwann dazu gekommen, die Krise als Chance zu begreifen. „Als eine, die auszog, die Vergangenheit gewaltsam von sich abzuschütteln, kann ich garantieren, daß sich, wenn man sie umarmt, ihre Bedrohung in eine ungewöhnliche Bereicherung und die Chance zur Selbsterkenntnis wandelt.“ Ein Satz, der auch anmaßend klingt – kann man Bereicherung garantieren, darf man die Vergangenheit umarmen? –, vermutlich aber nicht so gemeint ist. Sabine Reichel hat sich couragiert einem schwierigen Thema ausgeliefert und sich nicht ohne Selbstgerechtigkeit gerettet.