Von Ulrich Schiller

Washington, im April

So sicher wie das Amen in der Kirche kam das: Ob er seine Frau schon einmal betrogen habe? Ob er Pot geraucht habe? Ob er auch wirklich die Wahrheit sage? Kaum hatte er das politische Pflaster der Hauptstadt betreten, prasselte auf Ross Perot ein, was als die Quintessenz des diesjährigen Wahlkampfes gilt: die „Charakterfrage“. Perot, der Computermilliardär aus Texas, will sich, wenn die Verdrossenheit mit dem amerikanischen Zweiparteiensystem groß genug ist, als unabhängiger Kandidat um die Präsidentschaft bewerben. Am vergangenen Freitag hat dieser in Busineß und Lebenshaltung draufgängerische, politisch aber etwas naive Mann eine Kostprobe davon bekommen, was ihn erwartet, wenn er wirklich in den Wahlkampf einsteigen sollte.

Amerikanische Reporter sind nicht zimperlich, wenn es um den Charakter oder die Moral anderer Leute geht, zumal solcher, die da meinen, sie seien der Richtige für das Weiße Haus. „Die Leute wollen eben wissen, was die Qualitäten und die Wertvorstellungen eines Mannes sind, den sie ins Oval Office wählen und der später dort Entscheidungen treffen soll“, räumt auch Robert Teeter, der Wahlkampfmanager George Bushs, verständnisvoll ein. Takt oder gutei Geschmack sind längst keine geschützten Güter mehr.

Wer eine Person des öffentlichen Lebens ist, der hat eben auch Nachrichtenwert. Die Grausamkeit der Medien erfuhr zuletzt Arthur Ashe, der schwarze Tennisstar der sechziger und siebziger Jahre. Seit 1988 wußte er, daß er durch eine Bluttransfusion mit dem Aids-Virus infiziert war, wollte dies aber nicht an die Öffentlichkeit dringen lassen. Dann aber bekam USA Today einen Tip und fragte ohne Umstände bei Ashe an: Ja oder nein? Ashe wußte Bescheid. Vorige Woche ging er selbst vor die Presse. Wenn Ashe verunglückt wäre, man hätte es doch auch berichtet, rechtfertigte ein Redakteur das Vorgehen der Zeitung. Für den persönlichen Wunsch des Betroffenen, seine Privatsphäre zu wahren, hatte er kein Gespür.

Den republikanischen Wahlkampfstrategen geht es nicht anders. Sie nehmen inzwischen an, daß der Demokrat Bill Clinton im Herbst gegen George Bush antreten wird. Die „Charakterfrage“ wird also ein beherrschendes Thema bleiben und, so kalkulieren Demoskopen, sogar eine republikanische Trumpfkarte.

Zur Zeit ist Pause im Wahlkampf. Wer kann, entflieht in die Osterferien. Die Kirschbäume von Washington stehen in voller Blüte. Im Morgengrauen, noch vor dem Einfallen japanischer Touristenscharen, hat Präsident Bush, Frau Barbara an der Hand, Szene und Düfte rund um das Jefferson-Denkmal genossen. Zur Mittagsstunde lud er dann die Presse ins Weiße Haus. Aufgeräumt, jovial, ganz in sich selber ruhend, entwarf Bush das große politische Panorama, wo nötig durch Detailkenntnisse ergänzt: ganz internationaler Staatsmann, ganz fürsorglicher Landesvater.