Die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken würden uns beim geringsten Anlaß Millionen von Flüchtlingen bescheren – so wird es stets prophezeit. Viktor M. Voronkov, einer der 1500 Teilnehmer des kürzlich beendeten Migrations-Kongresses des Instituts für Vergleichende Sozialforschung in Berlin, hält solche Warnungen für überzogen. Voronkov ist Leiter der Arbeitsgruppe „Soziale Bewegungen“ am Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg und anerkannte Autorität unter den derzeit gerade dreißig Migrationsforschern in den Ländern der GUS. Unsere Mitarbeiterin Gabriele Riedle hat mit Voronkov in Berlin gesprochen.

Herr Voronkov, Sie haben in einer Diskussion eine halbe Million Migranten im Jahr prognostiziert, das sind viel weniger als bisher angenommen.

Man muß sehr vorsichtig mit den Zahlen sein, die sich in der Presse finden. Auch wenn Leute ihre Bereitschaft zur Ausreise bekunden, kann ihr Handeln völlig anders sein. Allenfalls bei großem äußeren Druck würden die Menschen diese spekulativ erwogene Möglichkeit in die Tat umsetzen. Zudem müßte man unterscheiden zwischen denen, die ausreisen wollen, und denen, die es können. Nur ein ganz kleiner Personenkreis kann es. Abgesehen von den Sowjetdeutschen wird beispielsweise von der Landbevölkerung kaum jemand ausreisen, und das ist mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Städter sind wiederum entweder ehemalige Kolchosbauern oder Kinder von Kolchosbauern. Vor der Kollektivierung hatten unsere Bauern ein Gemeinschaftsbewußtsein, und sie konnten einen Betrieb selbständig führen. Die, die dann unter den Bedingungen einer kollektivierten Landwirtschaft aufwuchsen, konnten das nicht mehr. Gerade deren Kinder aber machen heute das Gros der Stadtbevölkerung aus, und sie haben die Unselbständigkeit ihrer Eltern übernommen. Sie wagen eine Auswanderung nicht.

Widerspricht das nicht allen Annahmen vom Zerfall der sowjetischen Gesellschaft? Dieses Problem der Landflucht gilt doch gerade als entscheidend für den Wunsch nach Auswanderung.

Immer wieder bemühten sich, vor allem in der Zeit der Stagnation, die „bäuerlichen“ Städter, ländliche Gemeinschaftsformen zu finden. In Mittelasien gibt es sie noch immer. Dort wählen die Bewohner eines Hochhausblocks ihren „Dorfältesten“, lösen ihre Probleme gemeinsam, heiraten untereinander – in modernen Städten, wohlgemerkt. In Rußland lieben die Bauern ihren Boden, ihr Land, ihre Birken – das ist zunächst ihr Patriotismus. Das Bürgertum und das Proletariat im klassischen Sinne war weltläufiger und beweglicher. Der russische Bauer hingegen ist mit seiner Erde verwachsen, er fährt nirgendwohin. Viele Einwohner von St. Petersburg sind in ihrem Leben nicht weiter als bis dreißig Kilometer vor die Stadt gekommen. Umfragen des Moskauer Zentrums zur Erforschung der öffentlichen Meinung haben herausgefunden, daß diejenigen, die jetzt auf gepackten Koffern sitzen, hochqualifizierte Spezialisten in den neuen Technologien, Wissenschaftler und sehr dynamische junge Menschen sind, die Elite des Landes also. Ein Grund dafür, warum die anderen nicht ausreisen wollen, ist auch, daß sie erfahren haben, wie es jenen ergangen ist, die bereits ausgereist sind. Darüber gab es ja früher keine glaubhaften Informationen. Mittlerweile erfährt man aber, daß sie Schwierigkeiten haben, etwa eine Arbeit zu finden, oder daß sie psychologische Probleme haben. Aus diesem Grunde reisen jetzt viel weniger Juden nach Israel aus.

Und die schlechte wirtschaftliche Lage?

Auch sie treibt die Menschen bisher nicht zur Auswanderung. Zwar wurde es zu Beginn dieses Jahres immer schlechter, und nur zehn Prozent der St. Petersburger glaubten im Dezember überhaupt noch an eine Besserung. Es konnte damals der Eindruck einer höheren Bereitschaft zur Ausreise entstehen. 95 Prozent lebten unter der Armutsgrenze, viele begannen zu hungern. Wir erwarteten Massenproteste und eine Flut von Ausreiseanträgen. Aber im Februar, während die Situation noch schlechter wurde, die Betriebe schlossen und die Wirtschaft zusammenbrach, entdeckten wir, daß die Menschen auf einmal viel optimistischer waren und 35 Prozent der St. Petersburger an eine bessere Zukunft glaubten. Ursache war ein psychologischer Faktor: die Tatsache, daß überhaupt etwas passierte. Das Warten auf die Katastrophe war offenbar sehr viel schlimmer als die Katastrophe selbst.