Von Beatrix Bursig

Damals in der DDR waren die Frauen gut genug, um hier zu arbeiten. Ohne Frauen ging’s nicht in der Kohle.“ Margitta Fleischer weiß, wovon sie spricht. Vor mehr als zwanzig Jahren hat sie im ostdeutschen Braunkohletagebau Deuben bei Leipzig angefangen. Früher hat sie Kohle mit einem Besen von Sand und Lehm gereinigt. Seit das für den Betrieb nicht mehr rentabel ist, sitzt sie an der Bandanlage.

Margitta Fleischer schiebt in dieser Woche Nachtschicht. Ununterbrochen donnern Braunkohlebrocken auf das Förderband, das sie überwacht: Stein-Stakkato von zehn Uhr abends bis sechs in der Früh’. Es ist so laut, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Die Luft ist zum Schneiden, der Kohlestaub knirscht zwischen den Zähnen. Der einzige Luxus am Arbeitsplatz ist die elektrische Heizung gegen die Kälte der Nacht. Ein harter Job, für Männer ebenso wie für Frauen. Daß hier nicht nur Männer Dienst tun, fällt sofort auf: selbstgenähte Gardinen an den verdreckten Fensterscheiben, keine Pin-up-Girls.

Schichtarbeiterinnen im Bergbau – zu DDR-Zeiten waren sie die selbstverständlichste Sache der Welt. Werktätige, Männer wie Frauen: Beim Aufbau des Sozialismus waren sie gleich. Und plötzlich, nach der Wende, als auch in Ostdeutschland „BRD“-Recht galt, waren Nachtschichten für Arbeiterinnen verboten, für die Kohlefrauen ebenso wie für viele andere. Die Frauen verstanden die Welt nicht mehr. Jede, die Arbeit hatte, egal ob nachts oder am Tage, war heilfroh über den Job. Und angesichts der düsteren Perspektiven dachten die Bergarbeiterinnen wenig darüber nach, ob die ständigen Nachtschichten eine zu schwere körperliche Belastung sein könnten. Die Diskussion um das Nachtarbeitsverbot in den alten Bundesländern hat Unruhe gebracht ins Braunkohlegebiet Deuben.

Früher arbeiteten 2300 Frauen hier im größten ostdeutschen Kohleabbaugebiet und in den dazugehörigen Brikettfabriken. Übriggeblieben sind noch tausend. „Es sind zuerst die Frauen, die eine Kündigung erhalten“, sagt Roswitha Uhlemann, im Gesamtbetriebsrat der Mitteldeutschen Braunkohle AG (Mibrag) zuständig für Frauenfragen. „Und hier in der Region haben sie kaum eine Chance, einen anderen Job zu finden.“ Im Arbeitsamtsbezirk Merseburg beträgt die Arbeitslosenquote nach den Massenentlassungen am Jahresbeginn fünfzehn Prozent. Der Anteil der Frauen liegt bei fast zwei Dritteln.

Erleichtert registrieren denn auch die Frauen in Deuben das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, durch das das Nachtarbeitsverbot für Arbeiterinnen in ganz Deutschland aufgehoben wurde. Die Karlsruher Richter stellten fest, daß Frauen durch ein Nachtarbeitsverbot gegenüber den männlichen Kollegen in der Berufswahl benachteiligt würden. Das sei ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz und widerspreche außerdem einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes.

Nachtarbeit für Frauen – die war schon vor dem Karlsruher Spruch nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in den alten Bundesländern Realität. Die Volkszählung vor drei Jahren ergab, daß von knapp dreißig Millionen Erwerbstätigen vier Millionen ständig, regelmäßig oder gelegentlich in Nachtschichten beschäftigt seien – ein Viertel davon Frauen. Verboten war Nachtarbeit lediglich für Arbeiterinnen. Weibliche Angestellte und Beamtinnen, etwa in der Gastronomie, bei der Post oder in Pflegeberufen, konnten von jeher rund um die Uhr beschäftigt werden.