Von Vera Gaserow

Müjgan ist nicht gerade eine der eifrigsten Schülerinnen. Aber diesmal hat sie das beste Referat der Klasse geschrieben, denn das Thema hat sie gepackt. Nun liest sie es ihren siebzehn Mitschülern vor: "In dieser Zeit, in der wir leben, ist kein Jugendlicher unbewaffnet. Das finde ich echt traurig. Aber man kann nie sicher sein. Ich habe immer Tränengas dabei." Für die Schülerinnen und Schüler der 10b an der Berliner Schlesien-Oberschule sind die Sätze keine Enthüllungen. Was Müjgan beschreibt, ist an vielen Berliner Schulen Normalität. Als Klassenlehrer Peter Braune fragt: "Wer hat denn noch alles eine Waffe oder so etwas Ähnliches dabei?", geht ein Kichern durch die Reihen. Etliche Arme recken sich in die Höhe, kleine Reizgaspatronen und ein Klappmesser kommen zum Vorschein.

Glaubt man Beobachtungen von Lehrern an Berliner Schulen und dem Ergebnis von Befragungen, so hat jeder dritte Schüler eine Waffe zwischen Matheheft, Erdkundeordner oder Pausenbrot stecken. Meist sind es "Defensivwaffen" wie Tränengaspatronen, doch zufällige Taschenkontrollen fördern auch anderes zutage: Wurfsterne, butterfly-Messer, Eisenketten, Schlagringe und Gaspistolen. Waffen, mit denen man der eigenen Clique imponieren kann und die schon allein deshalb unverzichtbar erscheinen, weil die anderen sie ja auch haben.

Die 10b hat sich das zum Unterrichtsthema gewählt. Und die Klasse ist sich einig – von den beiden stillen Schülerinnen mit dem Kopftuch in der ersten Reihe bis zu den "Rabauken" in der hinteren Ecke: "Wir brauchen die Waffen, zu unserem eigenen Schutz. Nicht in der Schule, aber für den Heimweg, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Bus." Die 10b ist eine reine "Ausländerklasse" – junge Berliner, die allein wegen ihrer türkischen, arabischen oder iranischen Staatsangehörigkeit in einer gesonderten Klasse zusammengefaßt sind. Sie alle sagen: "Wir müssen uns gegen die Nazis schützen."

Seit der Maueröffnung ist die Ausländerfeindlichkeit das Thema Nummer eins unter den Schülern. Auch wer nicht selber Opfer von Anpöbeleien oder Angriffen war, kennt zumindest die Berichte von Freunden. Daß Emine und Sevim mit ihren Kopftüchern eine Tränengaspatrone in der Tasche haben, ist für ihre Mitschüler ganz selbstverständlich, denn: "Die erkennt man doch sofort!" Nur Mahmut erklärt die "ganze Waffengeschichte" für dummes Zeug. "Der hat das ja auch nicht nötig", meint ein Klassenkamerad, "der sieht ja aus wie ein Ami." Aila mit ihrem dunkelbraunen Lockenkopf hat das Messer dabei, seit ihr Vater einmal brutal zusammengeschlagen wurde, "und ich werde auch zustechen, wenn mich jemand angreift, nicht weil ich Freude daran habe, sondern weil ich mich schützen muß –doppelt sogar, weil ich eine Frau bin und Ausländerin".

Die Aggressivität an den Schulen steigt allerdings schon seit Jahren. Unabhängig von Hautfarbe und Nationalität, gibt es Gangs und Cliquen, die ihre Mitschüler bedrohen, ihnen die Jacken "abziehen", das Taschengeld abknöpfen oder auch nur das Pausenbrot. Die Rüstungsspirale hat sich schon lange vor dem Mauerfall gedreht, als Skinhead-Überfälle noch nicht an der Tagesordnung waren, und sie hat nur zum Teil einen politischen Hintergrund. Denn auch deutsche Jugendliche fühlen sich zunehmend bedroht von den jeweils Stärkeren.

Nur einmal streift die Diskussion der 10b den Punkt, um den es auch geht und um den sich die Schüler leicht herummogeln können: um die Faszination von Waffen. Als Ali sein Messer auf den Tisch packt und stolz verkündet: "Wenn ich achtzehn bin, hol’ ich mir ’ne scharfe Waffe", nicken einige anerkennend, und Kemal seufzt ein spontanes "Geil!".