Von Martin Pristl

Athen, die Stadt, in der gut jeder dritte Grieche lebt, in der sich – allein bei den offiziellen Behörden – täglich etwa 300 weitere Bürger melden, ist wie leer gefegt. Als sei der Befehl gegeben worden, diesen ständig wachsenden Moloch umgehend zu evakuieren, drängt es die Menschen aus der Stadt, in alle Richtungen des Landes, nur weg aus Athen, per Flugzeug, Schiff, Bus und Bahn und natürlich mit dem Auto.

Doch es ist nicht die hektische Großstadt, die plötzlich abschreckt, es ist die Provinz, die lockt. Man will zu den Eltern, die irgendwo noch in Nordgriechenland oder auf dem Peloponnes leben, dem Bruder oder Neffen auf dem Land, der den Sprung in die Großstadt nicht geschafft hat, zu den alten Nachbarn, Freunden, Schulkameraden. Vielleicht lockt auch das obligatorische Lamm am Spieß, vielleicht locken auch die prächtigen Gottesdienste am höchsten Feiertag der griechisch-orthodoxen Kirche, dem Osterfest.

Gründonnerstag, 20 Uhr, eine kleine Dorfkirche in der Mani, dem südlichsten Teil des Peloponnes. Das Gotteshaus ist voll, die Stimmung feierlich. Etwa 250 vorwiegend ältere Menschen und Kinder füllen die Stuhlreihen und Gänge, links die Frauen, rechts die Männer. Hinter dem Altar, in der mittleren der drei Apsiden, steht der Pope in festlichem Gewand – zwei Neonröhren werfen ihr gespenstisch kaltes und unwirkliches Licht auf sein Gesicht. Der Leidensweg Christi wird von einigen stimmbegabten Gemeindemitgliedern gesungen und einer übersteuerten Lautsprecheranlage verstärkt. Stundenlang dauern die monotonen Gesänge. Weihrauchschwaden füllen die Kirche. Dick wie Watte durchziehen sie den Raum, wie mit einem breiten Pinsel in die Luft gemalt. Ununterbrochen bekreuzigen sich einige besonders Gläubige, tranceähnlich, im Tempo abhängig von den Schwerpunkten im Ablauf des Gottesdienstes. Christus soll gekreuzigt werden, heißt es jetzt in den alten Gesängen. Bei manchen scheinen sich aufrichtiges Leid und echte Trauer in den Mienen widerzuspiegeln.

Gleichzeitig herrscht aber auch ein ständiges Kommen und Gehen, nie breitet sich wirklich andächtige Ruhe in der Gemeinde aus. Ab und zu schauen einige Männer herein, die einen Großteil des Gottesdienstes lieber vom benachbarten Kafenion aus verfolgen. Ständig wird gewispert und geflüstert, auch über mehrere Stuhlreihen hinweg – viele Verwandte sind schließlich erst an diesem Abend in ihrem Heimatdorf angekommen, und es gibt eine Menge zu erzählen.

Draußen ist es mittlerweile stockfinster, in der Kirche gehen die Lichter aus. Für die orthodoxen Griechen beginnt damit bereits der Karfreitag. Ein Holzkreuz wird hereingetragen, nur von Kerzen beleuchtet. Ihr Licht vermag kaum die Wolken des Rauchs zu durchdringen. Die Christusfigur wird an das Kruzifix geschraubt – Symbol der Kreuzigung.

Fremdartig wirkt ein solcher Gottesdienst, konträr sein Ablauf. Die orthodoxe Strenge, die von den Gläubigen viel Zeit und Geduld fordert einerseits, andererseits die südländische Unbekümmertheit und Nähe, die so sehr von der distanzierten Kühle, die oft auf den Bänken unserer Kirchen herrscht, absticht. Als Fremder ist man zu Ostern willkommen wie bei keinem anderen griechischen Fest. Selbst in Ortschaften, die in der Hochsaison von Touristen überlaufen sind, kann man für wenige Tage erleben, wie es ist, Gast zu sein, kann ahnen, wie es als Besucher Griechenlands sein könnte, wäre man zu anderen Zeiten nicht einer von Millionen.