Martin Hirschs Lebensprogramm war es, nicht den Mund zu halten – und den Deutschen beizubringen, nicht den Mund zu halten. Er fiel in Bonn in Ungnade und wurde deswegen auch nicht Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, was ihm versprochen worden war. Am Ende war Hirsch gar in Karlsruhe ein wenig isoliert und schrieb „abweichende Meinungen“.

Aber er betrachtete das als Preis für seine freie Zunge und blieb ein resoluter Kämpfer für die Bürgerrechte. Hirsch war Anwalt, Abgeordneter, Bundesverfassungsrichter. Der Berliner ist nach dem Krieg als Flüchtling in Bayern zur Politik gekommen. Der Sozialdemokrat hat die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts im Anstaltsrecht und Strafvollzug modernisiert. Er hat die Unfreiheit und Abhängigkeit der Strafgefangenen gemindert; sie haben ihm viel zu verdanken.

Der zweite wichtige Beitrag Hirschs zum staatlichen Leben hierzulande war eben sein öffentliches Nicht-den-Mund-Halten. Er scheute sich nie, anzustoßen und anzuecken, auch nicht in Karlsruhe. Er nahm Stellung zu den Nürnberger Massenverhaftungen, die sich später als Unrecht herausstellten, zum Fall der Strauß-Gegnerin Christine Schanderl, die er beriet, und zu anderen Skandalen. Einmal war die bayerische Regierung so genervt von Hirsch, daß sie von Präsident Ernst Benda eine „Stellungnahme“ über Mitrichter Hirsch verlangte. Benda wies die Bayern knapp darauf hin, daß es in diesem Gericht keine Dienstaufsicht gebe. Die Staatsregierung war blamiert.

Hirsch ist bereits vor der Nazi-Zeit für jüdische Mitschüler eingetreten und hat sich dadurch ins zwölfjährige Abseits befördert. Er erzählte, daß er durch die Lektüre der „Geschichte um den Sergeanten Grischa“ von Arnold Zweig und des „Falles Maurizius“ von Jakob Wassermann zum Juristen geworden sei. Sein großes Vorbild war erstaunlicherweise der spätere Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Kiesinger sei beileibe kein Nazi gewesen.

Der Mann mit dem weltoffen geprägten Gesicht war immer gut gelaunt und neugierig. Ein bißchen Berliner Kodderschnauze, ein bißchen freundlicher Sarkast. Dieser unkonventionelle Bürger interpretierte mit heißem Herzen in Karlsruhe zehn Jahre lang das Grundgesetz und arbeitete energisch dafür, daß Deutschland endlich demokratisch und freiheitlich würde.

Martin Hirsch starb am vergangenen Sonntag im Alter von 79 Jahren in Berlin. Hanno Kühnert