Dämpft Gewöhnung auch das Entsetzen? Nicht die Tag für Tag gequälten Menschen aller Nationalitäten des ehemaligen Jugoslawien machen noch Schlagzeilen, nur ihre unentwegt schießwütigen Schinder – und die Politiker, die mit geduldigem Papier nun auch in Bosnien-Herzegowina das Chaos zu entwirren und das gegenseitige Abschlachten zu beenden versuchen. Keine Schlachten werden ja in diesem sogenannten Bürgerkrieg geschlagen; strategisch planlos, taktisch sinnlos wird er geführt, allenfalls von Haß- und Begeisterungsausbrüchen auf „Ziele“ gelenkt.

Wo Waffen wie Sprachrohre inmitten von Geschrei und Sprachlosigkeit verwendet werden, kann eine „Waffenruhe“ im herkömmlichen Sinne schwerlich etwas bewirken. So auch jene – wievielte? –, die ein EG-Vermittler am vorigen Sonntag in Sarajewo zwischen Muslimen, Kroaten und Serben zustande brachte.

Schon zwölf Stunden danach war aus „Ruhe“ wieder Sturm geworden. Bomben, Granaten, Raketen hatten das Wort! Soldaten, Freischärler, Heckenschützen – wer kann sie auseinanderhalten? Generale, die mit Panzerketten rasseln, konkurrieren mit Politikern, deren nationale Retterpose ihre Ohnmacht verbergen soll. Wenn schon nichts sonst, so signalisierte die in Belgrad am gleichen Tag kleinlaut verkündete Abwertung des „jugoslawischen“ Dinar (um 53 Prozent), wohin hirnlose Politik führt, die Waffen statt Argumente ins Feld führt. Seltsam nur, daß dies bislang von der Umwelt kaum als das erkannt wurde, was es ist: klassischer Militarismus. Hj. Ste.