Von Martin Merz

Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein klingendes Erz oder eine tönende Schelle...“ Wie Bundesminister Norbert Blüm, der diese seine Lieblingsverse (1. Kor. 13,1) im Radio zu Gehör bringt, schlagen in diesem Jahr viele prominente Zeitgenossen in aller Öffentlichkeit die Bibel auf.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) hat „1992. Das Jahr mit der Bibel“ proklamiert. Ben Jakob, ihr Medienbeauftragter, nennt es ein „historisches Projekt“. Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland und Osterreich, die Freikirchen und andere christliche Gemeinschaften einschließlich der Heilsarmee einigten sich – schon dies ist ein Ereignis – auf eine gemeinsame ökumenische Werbekampagne. Für die Bibel soll geworben werden, das Buch, das sie als allen gemeinsame Grundlage verbindet, in den widersprüchlichen Interpretationen freilich auch in verschiedene Bekenntnisse trennt.

Die Ziele der Aktion sind dementsprechend allgemein formuliert. Die Bibel soll ins Gespräch kommen. Der ungelesene Bestseller soll Leser gewinnen, wirkliche Leser. Dabei hat die Arbeitsgemeinschaft nicht nur jene im Blick, die die Bibel als das gedruckte Wort Gottes zwar in Ehren halten, sie gleichwohl aber im Regal verstauben lassen. Auch die Menschen außerhalb der Kirchen, auch die, die dem christlichen Credo fernstehen, sollen die Bibel neu entdecken.

Dazu betreibt die christliche Arbeitsgemeinschaft einen respektablen Aufwand. Ein Magazin, das Bibelmagazin, wird kostenlos verteilt, in bisher zweifacher Millionenauflage, und legt sich fröhlich für die Bibel ins Zeug: mit Prominentenbekenntnissen, Comics, Quiz und Kuriositäten, Biblischem in Rock-’n’-Roll-Aufmachung, Ethik als Lifestyle-Programm. Das illustrierte Heft soll neugierig machen auf das Original. Gottesdienstbesucher bekommen es an der Kirchentür in die Hand gedrückt, eifrige Christen verteilen es an Haushalte, in Intercity-Zügen baumelt es am Gepäcknetz. Eine Anzeigenkampagne wiederum wirbt für das Magazin, das für die Bibel wirbt.

Aktionen unterstützen die Werbung: In Wettbewerben für Schülerinnen und Schüler sind Reisen zu gewinnen, eine „Erlebnisausstellung“ wandert durchs Land, „Bibelschiffe“ legen in den Städten rund um den Bodensee und längs der Elbe an. Die Bundesbahn, an einer kulturellen Belebung der Bahnhöfe interessiert, stellt einen Gesellschaftswagen als „Bibelzug“ zur Verfügung, mit Bar, Computer und einem „Bibel-Kursbuch des Lebens“. Seminare und ein wissenschaftliches Symposium richten sich an den gehobenen Anspruch.

Der Arbeitsgemeinschaft steht aus Kirchenmitteln eine knappe Million Mark für die Kampagne zur Verfügung. Werbemanager dürften ob der Relation von Budget und Öffentlichkeitswirkung vor Neid erblassen. Zwar wird ein nicht zu beziffernder Teil der Kosten dezentral von den Gemeinden aufgebracht, aber das ganze Projekt ist nur dank außergewöhnlichem Sponsoring möglich. Noch haben die Kirchen einen so guten Namen, daß Sponsoren ihn gerne dem eigenen Image zufügen, zum Selbstkostenpreis.