Aachen

Hunderttausende Nieder- und Rheinländer fielen aus allen Traumwolken, als am Montagmorgen um 3.20 Uhr der Boden unter ihnen bebte. Ausgehend von dem holländischen Städtchen Roermond nahe der deutschen Grenze, wankte die Erde dumpf grollend zehn bis fünfzehn Sekunden lang. Häuser wackelten in ihren Grundfesten, Menschen flohen panikartig aus den Betten auf die Straße. Risse klafften in den Mauern, Schornsteine stürzten ein, herabfallende Dachziegel und Mauerbrocken verletzten etwa vierzig Flüchtende, vier von ihnen schwer. Nach ersten Schätzungen entstand bei dem Beben mit der Stärke von etwa 5,5 auf der Richterskala ein Sachschaden von über hundert Millionen Mark.

Vor allem in dem deutschen Städtchen Heinsberg, nördlich von Aachen gelegen und nur zehn Kilometer vom Epizentrum entfernt, wurden etwa hundert Häuser schwer in Mitleidenschaft gezogen; einige seien abbruchreif, heißt es. Das schwerste Beben in der Niederrheinischen Bucht seit dem Jahr 1756 war bis nach Niedersachsen, Baden-Württemberg, Ostfrankreich und Belgien zu spüren. Vom Kölner Dom krachten fünf steinerne Kreuzblumen herab, ein anderthalb Meter großes Exemplar durchschlug das Dach eines erst vor zwei Wochen fertig restaurierten Seitenschiffes. Selbst im Bonner Regierungsviertel gab es beträchtliche Gebäudeschäden. So bröckelten im obersten Stockwerk des als "Langer Eugen" bekannten Abgeordnetenhauses der Putz von der Wand, in Ministerien stürzten Decken ein.

So plötzlich der Schock für viele Menschen in Holland und im Rheinland kam, für Geologen waren die Erschütterungen in dieser Region keine Überraschung. Denn sie zählt zu den tektonisch aktivsten in Deutschland, nur die Schwäbische Alb gilt als riskanter. "Bereits 1980 hat es bei Roermond ein – allerdings deutlich schwächeres – Beben mit der Magnitude 3,8 auf der Richterskala gegeben", erklärt Birgit Müller vom Seismologischen Institut der Universität Karlsruhe. Nicht nur dort, auch die Erdbebenwarte der Universität Köln und viele europäische Meßstationen von Großbritannien über Dänemark bis hinunter zu den Pyrenäen haben das Beben am Montag registriert. Die Wissenschaftler tauschten ihre Daten aus, denn präzise Rückschlüsse auf den Herd und die tektonischen Ursachen sind erst dann möglich, wenn die Ausbreitung der Bebenwellen nach allen Himmelsrichtungen bekannt ist.

Auch wenn die geologischen Analysen noch einige Zeit in Anspruch nehmen werden, so läßt sich bereits jetzt die Hauptursache des Bebens langsamen Verschiebungen der Kontinentalplatten zuschreiben. Sie schwimmen auf dem zähflüssigen Glutbrei des Erdinneren, stoßen dabei gegeneinander, verhaken und lösen sich dann ruckartig wieder. Die eurasische Platte, auf der wir leben, kommt von zwei Seiten unter Druck: Einerseits wird sie vom Atlantik her nach’Südosten gepreßt. Andererseits drückt die afrikanische Platte gewaltig nach Norden. Sie hat bereits vor Millionen Jahren den italienischen Stiefel gerammt, so daß sich die Alpen aufwarfen. Diese wachsen immer noch, und in hundert Millionen Jahren wird das Mittelmeer völlig von den Landkarten verschwunden sein. So haben die Lavaströme, die derzeit den Ätna herabfließen, und das Beben von Roermond eine zwar entfernte, aber gemeinsame Ursache.

Vom Mittelmeer her zieht sich eine große Bruchzone über den Rhone- und Oberrheingraben, über das Niederrheinische Becken und die Nordsee bis hinauf nach Oslo. Sie stellt zwar keine Plattengrenze dar und ist deshalb weit weniger bebengefährdet als etwa der San-Andreas-Graben in Kalifornien. Aber diese Bruchzone ist wesentlich aktiver als beispielsweise die tektonisch ruhigen Gebiete nördlich der Elbe. So legte am 18. Oktober 1356 ein verheerendes Beben die Stadt Basel in Schutt und Asche. Kleine Erschütterungen sind im Oberrheingraben an der Jahresordnung: Seit 1750 wurden mehr als 160 Bebenherde mit Magnituden größer als 3,5 in dieser Region registriert.

Während der Oberrheingraben langsam absinkt, hebt sich die Eifelregion. Dort zeugen rund 240 vulkanische Punkte und 60 Maare (wassergefüllte ehemalige Krater) von einer gewaltigen Aktivität, in der Vergangenheit. Das vorläufig letzte Inferno bot der Laacher Vulkan vor rund 11 000 Jahren. Damals jagte er in einer gewaltigen Dampfexplosion Rauch und Asche bis in vierzig Kilometer Höhe. Er hinterließ Tausende Quadratkilometer verbrannter Erde, noch bei Koblenz lag die Asche zwei Meter hoch.

Zwar hält Professor Wolfgang Jacoby von der Universität Mainz einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Beben und einem Wiederaufflammen des Eifel-Vulkanismus für unwahrscheinlich. Doch vollkommen ausschließen wie noch vor wenigen Jahrzehnten will man ein Erwachen des Eifel-Vulkanismus heute nicht mehr. Denn es gibt keinen plausiblen Grund, warum dieser in einer Million Jahren achtmal hochaktiv und dann wieder passiv wurde und sich nun endgültig zur Ruhe gesetzt haben sollte. Hans Schuh