Zwei Männer gehen auf der Promenade spazieren. Einer alten Promenade, entlang vertrauter Häuser, mit Liebe gebaut und handwerklich solide. Sie kennen die Häuser, sie müssen sie nicht mehr ansehen, um zu wissen, wie sie aussehen. Sie treffen sich nicht oft, und wenn, dann gehen sie hier zuerst, zu zweit: Paul Bley und Gary Peacock.

In Deutschland wurden diesmal die Kulissen der Promenade nur einmal aufgebaut – im ausverkauften Studio des NDR in Hamburg. Im Prolog erscheinen sie getrennt. Gary Peacock, der Bassist, mit einem Umhängeköfferchen, das er sorgfältig in Reichweite abstellt, und dann ein langes, sehr melodisches Solo greift. Paul Bley, der seine Umhängetasche unter dem Flügel verstaut und sich zu einer erst linearen, dann vertrackt swingenden Etüde setzt. Überall korrekt gekleidete Ordner, das Funkhaus des NDR scheint vertrauenswürdig und sicher. Die beiden lassen ihre Taschen nicht aus den Augen.

Die ersten Bass-Töne: Langsam versinkt man, nein, unvermittelt fällt man in einen Abgrund an Klängen, hört wieder die Segnungen des akustischen Basses, die zeitliche Differenz zwischen dem mechanischen Anschlag und dem singenden Ton, erinnert sich, warum Gary Peacock zu den gefühlvollsten, rhythmischsten Bassisten des Jazz gerechnet wird. Man versinkt in einem Traum und weiß zugleich, daß man träumt: von zwei Musikern, die zu den unbekannten Großen des Jazz zählen und noch immer unberechenbare Größen bleiben. Zwei Musikern, die Anfang der sechziger Jahre, zusammen mit ihren Frauen, der Komponistin und Pianistin Carla Bley und der Komponistin und Sängerin Annette Peacock, eine musikalische Einheit bildeten, die die Freiheit der neuen, revolutionären schwarzen Musik mit der Melancholie weißer Intellektueller verbanden.

Ihr Weg danach ist ein Roman. Paul Bley wandert durch die Geschichte des modernen Jazz, spielt mit allen, die Legende werden, von Ornette Coleman über Archie Shepp zu Sonny Rollins, allen, die eines gemeinsam haben: die Kraft der Poesie. Anfang der siebziger Jahre verwendet er, zusammen mit Annette Peacock, als erster den vorsintflutlichen Moog-Synthesizer auf offener Jazzbühne. Ein weitgehend unbeachteter Versuch, der nichts mit dem glatten Rockjazz des folgenden Jahrzehnts gemein hat und aufgrund persönlicher Differenzen abgebrochen wird. Danach macht er sich wieder allein auf den Weg. Als Begleiter, im Duo oder auf atemberaubenden Soloplatten wie "Alone again" und "Open, To Love". Die Titel sind Programm.

Paul Bley spielt die ersten Takte von Charlie Parkers "Steeplechase". Notengetreu. Gary Peacock erinnert sich, lacht, hat Schwierigkeiten, verharrt. Das Spazierengehen wird zum Spazierenstehen. Der Monolog des einen endet, sie bleiben stehen, hören sich zu, setzen sich wieder in Bewegung, der andere spricht. Es könnte enttäuschendes Stückwerk sein, zwei, die zusammen gehen und sich doch nicht begleiten. Es ist anders: zwei, die lange nachdenken, dann spontan von sich reden und dadurch den anderen weiterführen, ohne ihn stützen zu müssen. Vielleicht war Gary Peacock in den letzten Jahren zu lange mit Keith Jarrett unterwegs, um den gefälligen, harmonischen Auflösungen widerstehen zu können. Vielleicht spielte Paul Bley zuviel für sich, um nicht dem Reiz der 88 Tasten zu erliegen, wahrscheinlich aber ist ihr musikalisches Denken zu verwandt, trotz der Unterschiede ihres Romans.

Umgeben von der schwarzen Elite des Free Jazz, stand zu Beginn der sechziger Jahre ein schmaler, weißer Bassist mit dunkler Krawatte zum dunklen Anzug im Rampenlicht – ein Erneuerer des Bass-Spiels, die größte Hoffnung neben Scott La Faro und Charlie Haden. Nach ein paar Jahren legt Gary Peacock den Bass beiseite, geht nach Japan, lebt und weigert sich, die Musik ernster als das Leben zu nehmen. Als er wieder in die Studios und Konzertsäle zurückkehrt, hört man, daß er zum wahren free player gereift ist: etwas zu tun, ohne irgendeinen Zwang zu akzeptieren, ohne nach rechts und links zu schauen, ohne zu überlegen, was von einem erwartet wird.

Zwei Männer, die ihre Freiheit gefunden haben, indem sie nach Beschränkungen suchen. Zwei Musiker, die mit dem Kopf improvisieren, ohne die Hände zu vergessen. Ihre Integrität hat sie den Ruhm gekostet, den sie nicht vermissen, ihre Verinnerlichung die Aufmerksamkeit, die sie mehr als ihre Adepten verdienen. Das Konzert wird besser, weil jeder seinen Weg geht und die Häuser der Promenade den Hintergrund bilden. Sie kommen an Chris Montez’ "The More I See You" vorbei – einem banalen, schönen Popstück. Ton um Ton, Idee um Idee denken sie sich vom Thema weg, kaum zu sagen, wann sie es zurückgelassen haben.