Von Theo Sommer

Manfred Stolpe ist ein Mann mit starken Nerven. Abschalten zu können, zählt er zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Er schläft auch jetzt gut, da es von allen Seiten Rücktrittsforderungen hagelt. Und er geht ungerührt seinen Amtsgeschäften nach, obwohl ihm die Gauck-Behörde vorige Woche ein Gutachten hinter den Spiegel gesteckt hat, das zu dem Schluß gelangt, "daß er nach den Maßstäben des Ministeriums für Staatssicherheit über einen Zeitraum von circa 20 Jahren ein wichtiger IM [Inoffizieller Mitarbeiter] im Bereich der Evangelischen Kirche der DDR war".

Der brandenburgische Ministerpräsident bleibt bei dem, was er immer gesagt hat: Er habe sich nie auf irgendeine Weise zur Mitarbeit bei der Stasi verpflichtet; er habe nie Stasi-Aufträge entgegengenommen und ausgeführt; was immer er getan habe, habe er im kirchlichen Dienst unter kirchlicher Vollmacht getan. Aber Stolpe weiß auch, daß es mit derlei Beteuerungen nicht mehr sein Bewenden haben kann. Am Montag, nach einer Sitzung des Regionalen Aufbaustabes Frankfurt/Oder im Städtchen Seelow, wo es um die Verkehrsanbindung der Region und neue Grenzübergänge nach Polen ging, trat er zum Gegenangriff an.

Zum einen machte er verhalten, doch deutlich Front gegen die Gauck-Behörde. Ihr obliege das Verwalten und Sichern der Akten, nicht das Ausfertigen von Ermessensentscheidungen, die sich ausschließlich von den Maßstäben und Richtlinien des Staatssicherheitsdienstes leiten ließen. Pointiert klagte der Ministerpräsident, schriftliche Verfahren, bei denen ohne Prozeßordnung und Anhörung "Urteile auf die Menschen losgelassen" würden, seien in Brandenburg seit der Einführung des Allgemeinen Preußischen Landsrechts im Jahre 1794 abgeschafft. Nicht, daß er der Gauck-Behörde gerichtliche Schritte androhte. Wohl aber winkte er dem Gesetzgeber mit dem Zaunpfahl: Wenn schon Verdikte, dann müßte ihr Zustandekommen von anderer rechtlicher Qualität sein.

Zum anderen will Manfred Stolpe aus seiner bisherigen Passivität heraustreten. Die Stasi-Papiere sollen nicht die einzige Quelle bleiben; vielmehr sollen nun Zeugenaussagen, eigene Vermerke, kircheninterne Papiere deren Darstellung ergänzen und zurechtrücken. Zu diesem Zweck hat Stolpe jetzt bei der Kirchenleitung eine Aussagegenehmigung beantragt. Außerdem ruft er den EKD-Prüfungsausschuß an, der untersuchen soll, ob er je seine Dienstpflichten verletzt habe.

Es verschränkt sich vieles in dem Streit. Persönliches mag hineinspielen – bei den Kirchentagen von Rostock (vor der Wende) und Essen (danach) waren der Kirchenjustitiar Stolpe und der Pfarrer Gauck in Kontrahagen verwickelt. Fronten aus der alten DDR brechen abermals auf: Pragmatiker der Koexistenz wie Stolpe gegen die Unbedingtheit von Regimegegnern wie Bärbel Bohley. Obendrein ist die Parteipolitik nicht fern: Die CDU mag sich im nachhinein nicht fragen müssen, warum sie Lothar de Maiziere hat fallenlassen, wenn Manfred Stolpe sich im Amte hält. Und auch der latente Gegensatz zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen schwingt in der Auseinandersetzung mit: Viele Menschen in den neuen Ländern sehen darin vor allen Dingen ein Stück rüder Abwicklung. Waschkörbeweise überschütten sie Stolpe mit Sympathiebezeugungen und Aufforderungen, nicht weich zu werden.

Manfred Stolpe ist Kirchenmann genug, um zu wissen, daß nur die Wahrheit ihn halten kann, und Politiker genug, um zu ahnen, daß nichts ihn so sicher stürzen würde wie die Lüge. In allen Skandalen der vergangenen Jahrzehnte stolperten die Staatsmänner letztlich nicht über ihr eigentliches Vergehen, sondern über ihr Heucheln und Lügen danach. Auf Stolpes Nerven, auf seine Wahrhaftigkeit vertrauen viele in Deutschland, die mit der Vergangenheitsbewältigung Zukunft eröffnen, nicht verbauen wollen.

ZEIT-Interview mit Stolpe: Seite 3