Von Georg Blume

Jahrzehntelang zählte Robert Zielinski zu den bestbezahlten Börsenanalytikern in Japan. Obwohl er Amerikaner ist, wurde er in den erlesenen, fast nur aus Japanern bestehenden Kreis von Personen aufgenommen, die Nihon Keizai, Japans führende Wirtschaftszeitung, als beste Kenner der heimischen Ökonomie ausweist. Vergangene Woche aber hatte Robert Zielinski von den japanischen Ehrungen genug. "Ich verlasse Tokio", schnaufte Zielinski nach dem Börsensturz. "Mit dieser Büffelherde von Aktienverwaltern möchte ich vorab nichts mehr zu tun haben."

Was den Routinier kurz vor Ende seines glorreichen Jahrzehnts in Tokio in Aufregung versetzte, unterscheidet die japanische Börse von New York oder London: Hier regiert das Gesetz der Massenträgheit. Als die Börse in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Himmelhöher stieg, bremste niemand den Gipfelsturm. Mit dem realen Wert der Aktiengesellschaften hatten die Kurse nichts mehr zu tun. Doch nun, da die Börse seit Beginn der neunziger Jahre fällt, kann scheinbar nichts ihren Sturz ins Ungewisse aufhalten. Das hängt mit einer Grundhaltung der Japaner zusammen, der auch die Wertpapierhändler in Tokio gehorchen. Ihnen fällt es schwer, einem Kurs, den alle eingeschlagen haben, entgegenzusteuern. Auch wenn jeder für sich bereits weiß, wie unvernünftig das Gesamtverhalten der Börse ist, tanzt doch keiner aus der Reihe.

"Niemand übernimmt Verantwortung. Niemand wagt, die Führerschaft zu übernehmen", klagte Robert Zielinski, als der Tokioter Börsenindex Nikkei vergangene Woche unter 17 000 Punkte fiel, dem tiefsten Stand seit fünfeinhalb Jahren. Der Nikkei war damit auf weniger als die Hälfte seines Höchststandes von 1989 (38 916 Punkte) zusammengeschrumpft. Dramatisch verlief die zweite Aprilwoche: Gleich an drei aufeinanderfolgenden Tagen verlor der Index jeweils 3,5 Prozent. Aus Sicht Zielinskis und der meisten ausländischen Börsenteilnehmer in Tokio lagen die Aktienpreise längst so tief, daß sich das Investieren wieder lohnte. Doch keiner befolgte ihren Rat. Statt dessen schauten die großen japanischen Wertpapierhäuser nur zu, wie der Kursverfall an der Tokioter Börse die ganze Welt mit Sorge erfüllte.

Gefahr schien vor allem von den großen japanischen Banken zu drohen. Ihre Aktienkurse verzeichneten in den letzten vierzehn Tagen Kurseinbrüche um annähernd dreißig Prozent. Die Anleger vermuteten, die Tokioter Banken seien aufgrund ihrer leichtfertigen Kreditvergabe während der zurückliegenden Boomzeit von den jüngsten Konkursmeldungen in der japanischen Immobilienbranche betroffen. Doch nicht nur die eigenen Verluste schaden den Banken. Sie leiden unter der Schwäche der Börse insgesamt, weil sie selbst über riesige Wertpapierpakete verfügen. Hohe Verluste an dieser Stelle gehen zu Lasten des Eigenkapitals. Die Folge ist bereits absehbar: Bei den derzeitigen Aktienkursen weisen die Banken nicht einmal mehr die ab 1993 international obligatorische Eigenkapitalquote von acht Prozent der Aktiva auf. Mit den Tokioter Großbanken aber würde das Gerüst des japanischen Finanzsystems ins Wackeln geraten, das fundamentale Bedeutung für die Weltwirtschaft hat.

Neben den großen institutionellen Investoren wie den Versicherungen untermauern die Tokioter Banken Japans Rang als größte Kreditgebernation der Welt. Über ihre Konten flossen bislang Nippons riesige Handelsüberschüsse und Sparguthaben in der Form von Beteiligungen und Darlehen zurück in andere Industrieländer. Zwischen 1983 und 1991 verbuchte Japan einen Überschuß in der Zahlungsbilanz von 850 Milliarden Mark. So schraubten sich neun Tokioter Banken unter die größten zehn der Welt empor. Was aber, wenn diese Finanzriesen ihr Geld plötzlich nicht mehr rund um den Erdball verteilen, sondern zum Stopfen der eigenen Löcher benötigen?

Doch so schwarz wollte niemand sehen. Mit erstaunlicher Gelassenheit reagieren die westlichen Börsen von Frankfurt bis New York während der vergangenen Tage auf den Tokioter Aktiensturz. Falls die japanischen Investoren ihr Geld zurückzögen, höhnte die New York Times, sei das "nicht besorgniserregend". Denn schließlich fiele dann der Dollar, und die amerikanischen Exporte würden billiger. Ganz so glimpflich liefe der Anpassungsprozeß wohl nicht ab. 1991 wurden 15,9 Prozent aller Kredite in den USA von japanischen Banken vergeben. Ohne dieses Geld wären die Aufschwungschancen in den USA wesentlich geringer. Auch in Europa bestünde bei einem plötzlichen Ausfall japanischen Kapitals weniger Hoffnung auf eine schnelle Senkung der hohen Zinsen, die für einen Wachstumsschub unerläßlich ist. Das gilt allzumal in Deutschland, wo man aufgrund der hohen Kreditaufnahme des Staates ganz besonders auf die Liquidität des internationalen Finanzmarktes angewiesen ist.