Von Gabriele Venzky

Amritsar, im April

Kniehoch steht der Weizen, gelb leuchten die Senf-Felder, schtala, der Klee für das Vieh, wächst saftig und dicht. Die Bauern sind mit großen Messingbehältern unterwegs zur Molkerei; am Straßenrand werden Traktoren repariert. Auf den Märkten herrscht dichtes Gedränge. Ein Bild des Friedens – wären da nicht die Armeelastwagen, Polizeijeeps und die mit Sandsäcken und altem Blech "kugelfest" gemachten Vehikel des Paramilitärs, die unentwegt über die schlaglöchrigen Straßen rattern.

Basarka Dello ist ein 8000-Seelen-Dorf in der Nähe von Amritsar. Eine ärmliche Siedlung aus Lehmhütten und unverputzten Ziegelhäusern. Als wir nach dem Weg fragen, schauen die Leute schnell weg, nur ein Mann zeigt zögernd geradeaus. Lautes Wehklagen tönt aus einem Gehöft. Auf zerschnittenen Säcken sitzen zwei Dutzend Frauen im Kreis, jammern, werfen die Arme zum Himmel, schlagen sich gegen die Brust. So will es der Brauch. "Papa", schluchzt eine von ihnen, "Papa". In einem zweiten Kreis sitzen schweigend die Männer.

In der Nacht haben sie Raghbir Singh erschossen, seine sechzehnjährige Tochter Balwinder Kaur und die beiden Söhne Dilbagh und Dalbar, zwanzig Jahre alt der eine, gerade zwölf der andere. Die Mutter kämpft im Spital um ihr Leben. Blut klebt an dem kümmerlichen Mobiliar, an den Kleidungsstücken, die auf dem Tisch liegen. Auf die Blutlache vor der Tür hat jemand Sand gestreut. Raghbirs Bruder Dalip, ein großer, knorriger Bauer in langem Gewand, sagt: "Wir hatten keine Feinde." Aber der Ermordete war sarpanch, Bürgermeister. Das ist im Punjab ein lebensgefährliches Amt, weil man leicht zwischen alle Fronten gerät.

Alle haben die Todesschüsse gehört, auch die Polizei – die Station ist einen Steinwurf vom Tatort entfernt. Doch die Uniformierten gaben nur ein paar Warnschüsse ab. Nachts traut sich keiner aus dem Haus, auch wenn Nachbarn um Hilfe rufen. Erst am nächsten Morgen entdeckte man die Toten.

Wer war es? Dalip Singh zuckt mit dem Schultern. "Vielleicht Räuber, vielleicht Terroristen, vielleicht Angehörige der Sicherheitskräfte", erwidert er. Der Polizeibericht spricht wie immer nur von Militanten und Terroristen, doch unter dem Deckmantel des Kampfes für Khalistan, den separaten Staat der Sikhs, betreiben auch Kriminelle und Teile einer verwahrlosten, korrupten Polizei ihr einträgliches Mordgeschäft.