Horrende Mietsteigerungen ruinieren viele kleine Läden – einer der größten Preistreiber ist der Bund

Von Joachim Nawrocki

An der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain stehen Geschäfte leer, die Türen sind verrammelt, Schaufenster verklebt – eine absurde Situation angesichts der katastrophalen Knappheit an Gewerberaum in Berlin. Aber die Läden sind verrottet, und die marode einstige Stalinallee steht unter Denkmalschutz. Wer hier investiert, müßte den Vorstellungen des Landeskonservators von einer sozialistischen Prachtstraße folgen und dann auch noch überzogene Mieten zahlen – in einer Gegend, die allenfalls in Jahren einmal eine umsatzstarke Einkaufsgegend sein wird. Auch nicht viel prächtiger ist es Unter den Linden. Dennoch werden auch dort Mieten gefordert, die jetzt das Buchhandelsunternehmen Bouvier veranlaßt haben, die Universitätsbuchhandlung im Hause des früheren Volksbildungsministeriums zu schließen. Vermieter ist Bundesbildungsminister Rainer Ortleb, einer der wenigen Ossis in der Bundesregierung, doch Proteste und Resolutionen ließen ihn ungerührt.

Kaum anders geht es im Westen Berlins zu. In der Charlottenburger Pestalozzistraße, wahrlich keine belebte Geschäftsstraße, mußte ein Antiquitätengeschäft weichen, im leeren Fenster hing eine bewegte Klage über die Mietenspekulation. Andere Geschäfte hier stehen vor dem Ende; und wer zum Beispiel mit Kunsthandwerk handelt, hat kaum eine Chance, anderswo bezahlbare Räume zu finden. Manchmal finden sich an den Fassaden entmieteter Läden Sprüche wie "Miethaie zu Fischstäbchen" oder "Spekulanten zu Spekulatius". Doch es sind nicht nur die Spekulanten, die zur Explosion der Gewerbemieten beitragen, wie etwa das Beispiel der Universitätsbuchhandlung zeigt. Die Bundesrepublik Deutschland ist der größte Grundbesitzer in Berlin, und sie heizt die Mietenentwicklung kräftig an.

Verlust urbaner Vielfalt

In seiner Existenz bedroht sieht sich auch der Antiquitätenhändler Dieter Feinauer, der für zwei zusammenhängende Mietobjekte an der Emser Straße in Wilmersdorf statt bisher 1350 Mark im Monat nun rund 5800 Mark Miete zahlen soll. Das entspräche einem Quadratmeterpreis von dreißig Mark, obwohl die Industrie- und Handelskammer für diese Gegend eine ortsübliche Gewerbemiete von 18 Mark errechnet hatte und obwohl ein großer Teil der vermieteten Flächen zu der Wohnung Feinauers gehört oder reiner Keller- und Lagerraum ist. Vermieter ist die Bundesvermögensverwaltung in Berlin, und die zuständige Beamtin, klagt Feinauer, läßt sich nicht sprechen und sagt fest vereinbarte Termine nach langem Antichambrieren ab. Eine Klage gegen die Erhöhung der Gewerberaummieten hat Feinauer schon verloren; nun hofft er, wenigstens seine Wohnung halten zu können.

"Wir haben alle nur Jahresverträge", sagt Feinauer, "und bei einigen Nachbarn hat das Vermögensamt die erhöhte Miete einfach abbuchen lassen, obwohl eine Klage dagegen lief. Jetzt sollen die Läden sogar ausgeschrieben werden, mit Mieten von 35 bis 45 Mark. Das heißt, wenn einer mehr zahlt, fliegt der bisherige Mieter raus." Außer Feinauer sind in der Nachbarschaft unter anderem noch die Boutique Cossa, der Galerist Carlos Hulsch und das Filmkunstkino Graffiti betroffen. Von den Betreibern des Kinos und des benachbarten Cafés "Truxa" fordert der Bund statt bisher 6000 nun 10 000 Mark im Monat. Kinobesitzer Franz Stadler, der noch nicht einmal die Darlehen für den Ausbau des Kinos abbezahlt hat, müßte bei dieser Miete aufgeben – und der Finanzminister würde obendrein Preisgelder sparen, die das Kino für sein vorbildliches Programm bislang wiederholt erhalten hat.