Schon vor knapp dreißig Jahren waren Pierre Juchault von der Universität Poitiers zum ersten Mal jene eigenartigen Transvestiten unter den Asseln aufgefallen, die er damals in französischen Kellern gesammelt hatte. Rätselhafterweise zeigten einige Asselweibchen äußerlich typisch männliche Körperformen, besaßen innerlich jedoch normal funktionierende Eierstöcke samt dem dazugehörigen weiblichen Hormonhaushalt.

Jetzt beschreiben Juchault und Kollegen in den Proceedings der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (Bd. 88, S. 10460) die Ursache dieser unter Asseln weitverbreiteten Travestie, wissenschaftlich männlicher Pseudohermaphroditismus genannt. Mit elektronenmikroskopischen Untersuchungen konnten sie Viruspartikel identifizieren, die nur in den Zellen der Mann-Weiber und in deren Nachwuchs vorkamen. Paarungsversuche zeigten zudem, daß diese "Macho"-Viren sowohl vom infizierten Vater als auch von der Mutter an den Nachwuchs vererbt werden können. Per Gewebeübertragung gelang es, die Umprogrammierung der äußeren Geschlechtsmerkmale auch in normalen Asselweibchen auszulösen.

Die Sammler bizarrer Sexualphänomene haben allerdings schon vor zwei Jahren lernen müssen, daß Geschlecht eine "Krankheit" sein kann. Während obige Machoviren jedoch männliche Körper bevorzugen, existiert in einer Reihe kleiner parasitischer Wespen ihr Gegenstück in Form von "Emma"-Bakterien. Einige Arten der Wespengattung Trichogramma pflanzen sich ohne Befruchtung fort und zeugen so ausschließlich Töchter. Diese Art der Fortpflanzung, Jungfrauengeburt genannt, ist zwar im Tierreich weit verbreitet, verblüffend ist aber, daß die Wespenweibchen plötzlich auch gesunde Söhne zeugen, wenn man ihnen bakterientötende Antibiotika in die Nahrung mischt. Allem Anschein nach sorgen Bakterien in den Eizellen dafür, daß sich eigentlich männlich determinierte Eier zu einer Tochter entwickeln.

Für die radikalere Tochterliebe der Bakterien läßt sich indes einfacher ein Motiv finden als für die nur oberflächlichen Manipulationen der Viren. Bakterien sind größer. Weil kleine Spermien ihnen im Gegensatz zu großen und nahrungsreichen Eizellen keinen Platz für die Weiterreise bieten, sind Söhne aus Sicht der Bakterien eine Sackgasse. Sie hätten keine Chance, jemals aus dem Körper eines Männchens in dessen Nachwuchs zu gelangen – mit dem Tod des Männchens gingen auch sie unter. Auf welche Weise Bakterien und Viren jeweils die Programmierung des Geschlechts oder seiner Merkmale manipulieren, ist noch unklar.

Klaus Koch