Von Hans Schuh

Wie vermittle ich der internationalen Presse gute Nachrichten in Sachen Ozon, beispielsweise daß an den niedrigen Werten über dem winterlichen Europa vorwiegend das Wetter "schuld" war, ohne daß Journalisten undifferenziert Entwarnung geben? Und wie korrigiere ich die voreiligen Spekulationen amerikanischer Forscherkollegen, die noch vor wenigen Wochen ein Ozonloch über Europa dräuen sahen, ohne ihnen unkollegial auf die Zehen zu treten? Vor dieser diplomatischen Aufgabe standen am vergangenen Dienstag führende europäische Ozonforscher anläßlich einer Pressekonferenz der EG-Kommission in Brüssel. Sie wollten eine vorläufige Bilanz ziehen aus ihren äußerst umfangreichen, erst teilweise ausgewerteten Messungen, die von Mitte November 1991 bis Ende März dieses Jahres gedauert und knapp 300 Wissenschaftler in Atem gehalten hatten.

Rund vierzig Millionen Mark haben die Europäer in die aktuelle Erforschung der Ozonschicht über der Arktis, dem Nordatlantik, über Grönland, Zentraleuropa und Rußland gesteckt, um endlich besser zu begreifen, was sich in der Atmosphäre über unseren Köpfen zusammenbraut. Denn was in der öffentlichen Meinung längst als geklärt gilt, ist in Tat und Wahrheit extrem kompliziert und wissenschaftlich noch in vielen Bereichen unverstanden. Warum hat sich das prognostizierte Ozonloch über dem Nordpol diesmal (noch) nicht eingestellt? Selbst die ausgeprägte "Ozondelle" – zehn bis zwanzig Prozent niedrigere Werte als üblich –, die im Dezember, Januar und Februar über großen Teilen Nordeuropas zu beobachten war, harrt noch einer detaillierten Erklärung. Entgegen den ersten Befürchtungen waren menschliche Einflüsse hierbei offenbar nicht der primäre Faktor: "Mit Sicherheit haben außergewöhnliche meteorologische Konstellationen eine starke Rolle gespielt", sagte John Pyle vom britischen Ozon-Sekretariat in Cambridge als Sprecher der europäischen Forscher.

Eine grobe Faustregel besagt, daß hoher Luftdruck mit niedrigen Ozonwerten einhergeht. Im Winter lagen weite Gebiete Europas in außergewöhnlich stabilen Hochdruckzonen; die monatlichen Mittelwerte des Luftdrucks waren im Dezember und Januar so hoch wie noch nie zuvor in diesem Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen niedrigen Ozonwerten und hohem Luftdruck ist bereits seit 1920 bekannt. Die niedrigsten Ozonmengen – bis zwanzig Prozent unter dem langjährigen Mittelwert – wurden über Mitteleuropa und Skandinavien im Dezember und Januar gemessen. Im Februar waren sie noch um rund zehn Prozent erniedrigt, im März erreichten sie fast wieder das Normalniveau.

Professor Christos Zerefos vom Laboratorium für Atmosphärenphysik der Universität Thessaloniki konnte auf der Brüsseler Pressekonferenz eindrücklich zeigen, daß das Ozon stark durch die Winddynamik geprägt ist. Während über Europa infolge des hohen Luftdrucks eine Ozondelle zu beobachten war, verzeichnete man über Rußland und Kanada weitgehend normale, teilweise sogar leicht erhöhte Werte. Doch in solche Details wollten sich die Forscher beim vorsichtigen Klöppeln ihrer Brüsseler Ozonspitzen ursprünglich gar nicht versteigen: Der Grieche Zerefos war als Sprecher nicht eingeplant und wurde bei der offiziellen Vorstellung zunächst schlicht übergangen.

Neben der außergewöhnlichen Wetterlage beeinflußte in diesem Jahr ein weiterer natürlicher Störfaktor die Ozonschicht im Norden. Der philippinische Vulkan Pinatubo hatte riesige Mengen ätzender Schwefelsäuretröpfchen (Aerosole) in die Stratosphäre geschleudert, also genau dorthin, wo sich das meiste Ozon befindet. Dadurch wird die Atmosphärenchemie erheblich verändert. Insbesondere die Stickoxide, die nach neuester Lehrmeinung die Ozonschicht "immunisieren" gegen zerstörende Angriffe des Chlors, werden durch die Aerosole weitgehend "weggeputzt". Ferner besteht der starke Verdacht, daß die vulkanischen Säuretröpfchen still in der Stratosphäre lagerndes Chlor erst richtig aktiv machen (indem sie es aus der ozonneutralen Salzsäure freisetzen). Die Aerosole würden demnach ähnlich wirken wie die ätzenden Eiskristalle in den polaren Stratosphärenwolken, die bei der Entstehung des antarktischen Ozonlochs eine wichtige Rolle spielen. Messungen nach dem Ausbruch des mexikanischen Vulkans El Chichon Anfang der achtziger Jahre deuteten bereits darauf hin, daß Eruptionen negative Folgen für die Ozonschicht haben können.

Doch niemand kann bisher sagen, wie stark der Pinatubo den Ozonfraß in diesem Jahr beschleunigt hat. Denn der zerstörerische Effekt ist nicht nur abhängig von der Stärke des Ausbruchs, sondern auch von der Chemie des Untergrunds, aus dem der Vulkan seine gigantische Dreckschleuder speiste. Enthält dieser beispielsweise Kochsalz und andere chlor- oder bromhaltige Salze, dann wird es für das Ozon besonders kritisch. Es ist davon auszugehen, daß in der Erdgeschichte mehrfach auf diese Weise Chlormengen in die Stratosphäre geschleudert wurden, die menschliche Chloreinträge durch FCKW weit in den Schatten stellen. Allerdings ist nicht bekannt, welche Folgen diese Naturkatastrophen für die Biosphäre hatten.