Bahnen und Busse werden mit dem neuen Ansturm kaum fertig

Von Roland Kirbach

Essen Hauptbahnhof, 6.38 Uhr. Auf dem Bahnsteig stehen dicht gedrängt die Pendler. Pünktlich läuft die S-Bahn der Linie 1 von Dortmund nach Düsseldorf ein. Der Zug ist überfüllt. Nur mit Schieben und Stoßen können sich die Zusteigenden noch einen Stehplatz erkämpfen.

Die Stimmung im Wagen ist gereizt. "Erst lockt man die Leute mit einem billigen Umweltticket vom Auto in die Bahn, und dann gibt es nicht genug Wagen, um alle Fahrgäste zu transportieren", schimpft eine Frau, die sich "wie in einem Güterwaggon" fühlt. Ein Mann neben ihr verkündet, er werde wohl bald wieder aufs Auto umsteigen. Im Stau zu stecken sei immer noch komfortabler, als sich auf zugigen Bahnsteigen und in überheizten Zügen die Beine in den Bauch zu stehen.

Landauf, landab überall das gleiche Bild zur Rush-hour: "Ich bete jeden Tag, daß nichts passiert", gestand kürzlich der Direktor der Frankfurter Stadtwerke, Dieter Oehm. Vor allem die U-Bahnen in der Main-Metropole verkraften keine weiteren Fahrgäste. Fällt auch nur ein Wagen mehr aus als vorgesehen, steht Oehm vor der Frage: Wohin mit den Leuten?

Selbst in dünner besiedelten ländlichen Regionen wie etwa dem Breisgau boomen plötzlich Busse und Bahnen. Seit im vergangenen September die Stadt Freiburg zusammen mit benachbarten Landkreisen eine extrem preisgünstige "Regio-Umweltkarte" einführte, stiegen die Leute massenhaft um. Die zuvor leeren Busse aus dem Umland nach Freiburg sind jetzt vor allem in den Morgenstunden rappelvoll.

Die Statistik bestätigt das äußere Bild. Innerhalb der großen Verkehrsverbunde stieg die Zahl der beförderten Personen von 3,2 Milliarden im Jahr 1989 auf 3,62 Milliarden im Jahr 1991 – ein Plus von 13 Prozent. Überdurchschnittliche Zuwachsraten verzeichneten die (West-)Berliner BVG mit 28 Prozent mehr Fahrgästen sowie der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) mit einem Plus von sogar 15 Prozent. Innerhalb von nur zwei Jahren, freut sich VRR-Chef Hermann Zmelin, habe sein Verbund somit eine achtjährige Durststrecke wieder wettgemacht und das Ergebnis des bisherigen Rekordjahres 1981 gar noch übertroffen.