Von Rupert Neudeck

TROISDORF. – "Die Liebe macht blind. Als ich zum ersten Mal in die Sowjetunion reiste, glaubte ich das Paradies der Werktätigen zum Greifen nah." So hat es einer der Revolutionstouristen vergangener Jahre, Peter Schütt, zerknirscht geschrieben: "Bis in den hintersten Winkel Mittelasiens waren meine Gastgeber emsig bemüht, mir vorher gemachte Betten, goldene Brücken und ganze Potemkinsche Dörfer zu bauen, damit ich auf jeden Fall die richtigen Eindrücke mit nach Hause und an den Schreibtisch nehmen sollte. Und die rote Himbeersauce, die mir im Haus einer deutschen Kirgisen-Familie kredenzt wurde, war vorher von den Mitarbeitern des KGB vorbeigebracht worden." Nicht nur "Liebe", auch das gut geschmierte regierungsamtliche Protokoll kann offizielle Besucher aus der Fremde blind machen. Die alte Spruchweisheit: mundus vult decipi, die Welt will betrogen werden – das gilt auch für Ministerialbeamte und Bundestagsabgeordnete.

Wer viel reist, der weiß, daß man ein Land schon direkt bei der Einreise kennenzulernen beginnt. Wie geht es zu bei der Paßkontrolle oder am Zoll-Schalter? Braucht man dreißig Minuten oder drei Stunden, um in die Hauptstadt oder in das Land hineinzukommen? Diesen Erfahrungen sind reisende Bundestagsabgeordnete nicht ausgesetzt, denn sie werden aus dem Flugzeug gleich in eine VIP-Lounge geleitet. Paß und Ticket werden ihnen abgenommen, für das Gepäck sorgen die Diener der Gastgeber. Zumal in einigen afrikanischen Ländern ist "das Protokoll" noch die einzige pünktliche und exakt funktionierende Behörde. Hilfsorganisationen erleben oft Verzögerungen von Monaten, müssen bisweilen Wochen darauf warten, die ersten Papiere ausfüllen zu dürfen, damit endlich der eigene Wagen aus dem Hafen ausgelöst werden kann. All dies bekommt ein Abgeordneter in diesen Ländern nie mit. Er kann schlicht reisen – und alles klappt wie geschmiert.

Außerdem tritt neben "das Protokoll" des Staates stets pünktlich und beflissen die jeweilige Bonner Botschaft. So hält der Abgeordnete in aller Regel schon ein feinsäuberliches Programm wie eine Menükarte in den Händen, während er noch am Airport am Begrüßungssekt nippt. Artig wird er beim flüchtigen Lesen "seiner" Pläne für die eineinhalb Tage gefragt, ob er mit dem Programm einverstanden sei. Und artig antwortet der MdB: "Ja", damit könne er wohl übereinstimmen. Dann rast er durch die Empfangssäle der Regierung und – inzwischen meist auch – der Opposition. Schließlich, eine Stunde vor dem Abflug, übernimmt "das Protokoll" wieder seine Koffer, sein Ticket und seinen Paß. Wieder muß er sich nicht mit den Lästigkeiten und Unannehmlichkeiten herumplagen, die das Reisen in Afrika oft zu einer Qual machen.

Die Regierungen wissen sehr wohl, daß "das Protokoll" unbedingt funktionieren muß. Denn die umworbenen Vertreter unseres Bonner Parlaments (manchmal gesellen sich auch schon Landtagsabgeordnete hinzu) sind verantwortlich für die Höhe der nächsten Entwicklungshilfe-Zusagen. Somit entscheiden sie zum Beispiel über den Batzen jener Warenlieferungen, aus dem sich die Nomenklatura des Staates ein Stück herausschneiden kann. Da müssen Abgeordnete ein Land erleben, das anders ist als die Realität.

Nun will ich den Damen und Herren des Bundestages nicht die Annehmlichkeiten solcher Exkursionen nehmen. Ich will auch nicht verlangen, daß sie immer anders, immer bieder und immer "normal" reisen sollen. Aber einmal im Jahr wäre es schon gut, sie würden ohne Vorzugsbedingungen, nach Stunden auf einem Rasiersitz im Flugzeug, die Abfertigung für Normalbürger mitmachen. Natürlich kann man den Großen der Politik auch erklären, wie die Realität aussieht. Nur: Was zählt eine Erklärung der Wirklichkeit gegen die eigene Erfahrung der "Realität"?

  • Rupert Neudeck ist Vorsitzender des Komitees Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V.