Max Ernst führte seine Collagen-Produktion auch darauf zurück, daß er partout keine unberührte weiße Fläche ertrug. Erst ein darauf geklebtes Stück Papier, irgendein Realitätspartikel, habe seine Assoziationen freigesetzt.

Ulrich Erbens weiße Bilder, so sagt die Anekdote, seien dem Zufall zu verdanken: Der Maler habe ein ihm mißlungen erschienenes Bild weiß übermalt – und die Methode für eine Weile fortentwickelt, weil ihn die Erscheinung des Weiß auf den anderen Farbschichten fasziniert habe. Man kann hinzufügen, daß er zu dieser Zeit, um 1968, damit künstlerisch nicht allein stand.

Nun zeigt Erben im Westfälischen Landesmuseum in Münster Arbeiten dieser Jahre, bis 1978. Weiß ist ihr Thema, "Weiß ist Farbe", behauptet der Ausstellungstitel, und die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hat gelehrt, daß an diesem Faktum nicht zu rütteln ist. Ob als Nichtfarbe oder als Summe aller Farben, als Verkörperung reiner Energie oder als Materialisierung des Seins – Weiß transportiert die Signale utopischer Exerzitien, von Malewitsch bis Fontana, von der Gruppe Zero bis eben zu Ulrich Erben.

Daß der heute 52jährige Düsseldorfer Maler jetzt nur einen Ausschnitt aus seinem Werk zeigt – in einem Block von rund hundert Arbeiten –, liegt auch an des Künstlers Scheu vor Retrospektiven. So läßt er in der Ausstellung allenfalls Randzonen früher und neuester Arbeiten zu, um Positionen zu erläutern. Zustande kam die Schau wohl vor allem im Zug einer Kunstmarkt-Transaktion: Ein Privatsammler trennte sich von etwa zwanzig Werken der "weißen Periode" und gab sie einem Händler, der das gesamte Konvolut inzwischen einem anderen Sammler verkaufte. Im zeitlichen Niemandsland zwischen Veräußerung und erneutem Zugriff entstand diese Ausstellung.

Also fast ein Zufall, daß diese Arbeiten nun überhaupt für eine größere Öffentlichkeit sichtbar werden. Was einen nur freuen kann. Denn so spektakulär das Geschäft auch sein mag, so jenseits allen Spektakels ist Erbens Malerei bis heute geblieben. Tatsachen wolle er schaffen, sagte der Künstler einmal. Ein Rechteck, einfache geometrische Formen interessierten ihn nicht als geometrische Formen, sondern als eine aufs äußerste reduzierte Fläche. Jedes Bild sei immer wieder ein Versuch, hinter eine Sache zu kommen, die er nicht wisse. Jedes fertige Bild sei eine Teil-Antwort. Die Fragen stellte der Künstler stets der Malerei selbst, und seine Antworten sind nicht das Ergebnis rigiden Denkens, sondern Zeichen einer sinnlichen Beschäftigung mit dem Material und den Formen einer vom Gegenstand gelösten Kunst. Malen bedeutet für Erben nicht, Theorien bildwürdig zu machen. Malen heißt vielmehr, neue Erkenntnisse zu gewinnen, auch in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Er verdanke seine frühen, weitgehend abstrakt anmutenden Kompositionen der Erfahrung von Landschaft, sagt der Künstler. Auch in den minimal gegliederten, monochrom wirkenden Bildern in moduliertem Weiß ist solche Landschaft wahrzunehmen: die Nähe zum weiten Himmel und zu den Horizontlinien der Gegend am Niederrhein, wo Erben lange ein Atelier hatte.

Wenn er seine Arbeit beschreibt, klingt es wie konkrete Poesie: "Fläche in Fläche, Fläche vor Fläche, Fläche vor Raum, Fläche im Raum, weiß / weiß, Licht / Schatten, glatt / matt, pastos / eben, frei / assoziativ..." Diese aus Gegensatzpaaren entwickelte bildnerische Genauigkeit ist in dieser buchstäblich vielschichtigen Malerei zu sehen und zu spüren. Auf der Basis von neutralem Weiß entstehen neuerliche Weiß-Zonen – Inseln aus Geometrie, in Ton und Oberfläche verändert. Distanzen entwickeln sich so von Weiß zu Weiß; die lichthaltige Farbe leuchtet auf und versinkt wieder in der Fläche. Unsichtbare Farbschichten hinterlassen kaum wahrnehmbare Spuren. Entsprechend zeigen die Papierarbeiten Zeichen des Arbeitsvorgangs: Farbspritzer, Unregelmäßigkeiten geometrischer Binnenformen, Ränder von Ölfarben, von schwerer Farbe wellig verzogene Bildgründe, collagierte Kanten, Bleistiftlinien. Aktivierende Eingriffe in die Stille sind dies, in der sich Malerei eher lautlos und kontemplativ ereignet. Die Bewegungen weißer Formen erinnern an ruhige Atemzüge, ihr Rhythmus überträgt sich auf den Betrachter: Man blickt und schaut und geht den Bildern nach.

Solche Erfahrungen des Sehens und des visuellen Denkens ist Erben immer verpflichtet geblieben, auch mit seinen heute farbig reich instrumentierten Tafeln, wie er sie zuletzt 1990 im Kunstverein in Düsseldorf zeigte. Daß die im Düsseldorfer Ausstellungstitel beschworenen "Farben der Erinnerung" auch das seltsam lebendige Weiß der frühen Zeit einschlössen, war damals nicht zu sehen. Das begreift man erst heute. (Westfälisches Landesmuseum, Münster, bis zum 24. Mai; ein Katalogbuch erscheint demnächst im Verlag Karl Kerber, Bielefeld)

Ursula Bode