Potsdam

Am Anfang war die Pause. Die Umschaltpause vom DFF zum ORB. Am 1. Januar blieben 0.00 Uhr die Bildschirme für zwei Minuten schwarz. Zumindest bei jenen Masochisten, die sich den lamoryanten und geschmacklosen Silvester- und Konservenabschied des Deutschen Fernsehfunks (DFF), kurz zuvor noch Fernsehen der DDR, angetan hatten. Doch der Blackout war nur eine Panne der Macher vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB).

In den folgenden Wochen schien das Programm der ambitionierten Aufbruchstimmung einer jungen Mannschaft geschuldet, die trotz knapper Finanzen aus eingefahrenen Gleisen auszubrechen versucht und dabei mit technischen und organisatorischen Schwierigkeiten kämpft. Doch schnell setzte sich bei den Zuschauern der Verdacht fest, wieder einmal seien sie Opfer: diesmal die einer Mischung aus dem Dilettantismus neuer Seilschaften, die ganze Freundeskreise und deren Bekannte an die Fleischtöpfe gebracht hatten, und aus moralisierenden Aufklärern und neuen Anpassern.

Auch Fernsehmachern sollten, genau wie Politikern, hundert Tage Schonfrist zugestanden werden. Doch die Medien-Neuordnung veränderte so einschneidend den Fernsehalltag im Osten, daß man die letzten Monate nicht mit bloßem Kopfschütteln übergehen kann. Selbst die Bösewichter vom Dienst – Mühlfenzel und Treuhand – mag man nicht zu alleinigen Sündenböcken machen, sitzt man vorzugsweise vor einer Melange aus Uralt-Wiederholungen (das beste von Rudi Carell, Peter Frankenfeld und Detektiv Rockford) und moralinsaurer Zuschauerbelehrung im Aktuelle-Kamera-Ton. Das Ganze wird mit Billigst-Serien aus den USA gestreckt.

Um der Gerechtigkeit Willen: Es gibt Gründe für diese ärgerliche Mischung, an denen die Fernsehmacher unschuldig sind. Und es gibt Ausnahmen: die intelligenten Talk-Shows mit Helmuth Henneberg und die Fortsetzung der Günter-Gaus-Sendung Zur Person. In der insistiert der ehemalige Vertreter Bonns in Ostberlin so hartnäckig wie behutsam, daß Leute wie Gustav Just und Bernhard Vogel immer wieder Selbsterkenntnisse und Offenbarungen entschlüpfen.

Auch Kulturportraits, wie das über den Theaterregisseur Frank Castorf, versöhnen wenigstens den ambitionierten Zuschauer etwas mit dem Sender, ebenso der Anspruch des Magazins selbstbestimmt, das über die neuen Probleme junger Behinderter berichtet; dazu ein paar alte Spielfilme, die im Einheitsbrei von ARD und ZDF nicht mehr zu finden sind.

Das Adlershofer Fernsehen wurde so schnell und gründlich liqudiert, daß für Neukonzeptionen keine Zeit blieb. Anfangs meinten viele Neubundesbürger, das Ost-Fernsehen werde geläutert im ORB weiterleben. Doch Ost-Fernsehen blieb beim Kampf um Sendeplätze, Frequenzen, Werbemillionen und Steuergelder auf der Strecke. Der Sender hat nicht nur seinen Namen geändert und marktwirtschaftlich überflüssiges oder politisch belastetes Personal abgestoßen, sondern auch seine Ost-Identität verloren. Auch gegen den Rat des letzten DFF-Intendanten und jetztigen Fernsehdirektors Michael Albrecht wurden beliebte Unterhaltungssendungen wie Außenseiter Spitzenreiter, außerdem Reportage- und Kultur-Reihen gestrichen, selbst der beliebte Montagabend-Film (meist Ufa-Produktionen) abgeschafft. Statt dessen laufen als Programmfüller (west-)deutsche Sechziger-Jahre-Streifen, amerikanische Unterhaltungsfilme und Übernahmen von Eins plus.