Die politische Klasse unseres Landes", kommentierte Theo Sommer am 10. April in dieser Zeitung die letzten Landtagswahlen, "hat den Knüppelhieb über den Schädel mehr als verdient." Als ich den Chefredakteur allerdings vor wenigen Tagen zum Essen traf, machte er den gewohnt munteren Eindruck: keine Beule, kein blaues Auge. Wer gehört denn bei uns eigentlich zur classe politique? Aus der Sicht der öffentlichen und veröffentlichten Meinung anscheinend nur noch Berufspolitiker.

Ob in den Niederlanden, Frankreich, Italien, Schweden oder Österreich – überall dasselbe Bild: Die großen Parteien verlieren, die Ränder gewinnen. Nur vom unverfälschten Mehrheitswahlrecht (Großbritannien/Vereinigte Staaten) wird die Zersplitterung der Parteienlandschaft (noch) aufgehalten, die Reformfähigkeit wohl auch. Überall sinkt das Image der Politiker, auch in England und in Amerika. Versagt also die classe politique in allen Demokratien?

Jede Lebenserfahrung spricht gegen solche Gleichzeitigkeiten. Gibt es heute wirklich keine ehrlichen, intelligenten und tatkräftigen Politiker mehr? Adenauer, de Gaulle, de Gasperi, Macmillan, Eisenhower – wachsen am alten Stamm nur noch taube Nüsse? Sind die guten, zuverlässigen Zeiten der Politik vorbei? Oder täuschen wir uns, wie "Die Alte" in Hagedorns Gedicht, vertont von Mozart vor über 200 Jahren:

"Zu meiner Zeit,

Bestand noch Recht und Billigkeit

Zu meiner Zeit

ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht..."