Von Brigitte Macher

Die Frau am Fahrkartenschalter in Münster versichert, daß der D-Zug nach Wesel, Abfahrt 8.57 Uhr, uns und unsere Fahrräder mitnehmen wird, auch wenn er keinen Gepäckwagen hat. Der Zugführer ist anderer Meinung, kennt keine Gnade und zwingt uns zum Aussteigen. Da helfen keine Hinweise auf einen halbleeren Zug, auf sein Mitgefühl und die gemeinsame Vorliebe fürs Fahrrad. Weiß der Mann, was er uns antut? Wir sind wütend, weil wir nun zweimal „verladen“ müssen. Werden wir die Anschlüsse noch schaffen? Erst als wir besänftigt vom gemütlichen Rhythmus der Personenzüge über Appelhülsen, Buldern, Haltern, Wanne-Eickel und Oberhausen in Wesel angekommen sind, haben wir uns mit der Bundesbahn versöhnt.

Wesel scheut sich nicht, seine Geschichte auszubreiten. Karl Martell trieb sich dort um das Jahr 750 herum. Später wurde die Stadt zur mittelalterlichen Festung ausgebaut, eine, die von Franzosen, Spaniern und Niederländern belagert, erobert und wieder preisgegeben wurde. Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges zerstörten Wesel zu 98 Prozent. Daß man am Ort nichts mehr davon merkt, verdankt Wesel den im Vers des Echospiels so oft verunglimpften Bürgermeistern – und seinen Bürgern. Die erzählen auch stolz, daß der Begründer New Yorks, Peter Minuit, aus Wesel stammt. So weht unversehens ein wenig weltstädtisches Flair durch die Stadt am Niederrhein.

Auf dem Niederrhein ist viel los. Wir stehen auf der großen Rheinbrücke und sehen den ununterbrochenen Strom der Lastkähne unter uns. Von der dröhnenden B 57 weg fahren wir so schnell wie möglich auf den Fernradwanderweg am linken Rheinufer.

Der Wind auf dem Deich treibt uns flott voran. Wir fühlen uns leicht, frei und tatendurstig. Auf saftig-grünen Flußauen grasen schwarzweiße Kühe. Gleichzeitig ist auch ein Stück imposanter Industrielandschaft zu sehen mit Kraftwerkmonumenten, himmelhohen Schornsteinen, dampfenden Kühltürmen hinter Weizenfeldern. In Moers jedoch macht sich wieder Idylle breit. In der pastellfarben sanierten Altstadt empfängt uns ein neugieriger Kegelclub aus Duisburg, der wissen will, woher und wohin des Wegs und auf unser gesundheitsförderndes Unternehmen anstößt.

So bewundert und ermutigt verlassen wir Moers und kehren zurück auf den Rheindamm. Viele Radler sind unterwegs. Der breite Strom, hinter Pappeln, Erlen und Holunder verborgen, verrät sich nur durch das Tuckern der Schiffe. Nach 89 Kilometern Tagesleistung, mit zerdrückten Sitzflächen und nach einem grauenhaften Stück Straße durchs Neußer Hafengelände ist es uns egal, wo wir ausspannen.

Der nächste Tag ist zwar kühl und trüb, aber er beschert uns Zons. Zons, ein intimes ummauertes Rechteck von 250 mal 300 Quadratmetern mit altersbraunen Klirikerbauten, einer Windmühle und wuchtigen Wachtürmen über der dicken Stadtmauer, war einmal wichtige Zollstation am Rhein. Als Festung blieb es unbesiegt, nicht zuletzt wegen seiner Frauen, die gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges die hessischen Truppen unter Oberst Rabenhaupt mit glühenden Holzscheiten und Steinen bewarfen und zum Abzug zwangen.