Von Ulrich Hiemenz

Beim Umweltgipfel in Rio steht der Erhalt des tropischen Regenwaldes auf der Wunschliste von Umweltschützern ganz oben. Als gewichtige Argumente für diese Forderung werden gemeinhin drohende Veränderungen des globalen Klimahaushalts durch großflächige Entwaldung sowie der Schutz der Artenvielfalt ins Feld geführt. Der Frage, wem die Zerstörung des Regenwaldes eigentlich nutzt, wird in der Regel mit Hinweisen auf die Forstwirtschaft und Hamburger-Ketten eher ausgewichen. Es wird kaum diskutiert, welchen ökonomischen Wert die Rodung für die Tropenländer selber hat.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat nun im Auftrag von Greenpeace eine Studie vorgelegt, in der die volkswirtschaftliche Bedeutung der Rodung von Regenwäldern für die Tropenländer und die Weltwirtschaft untersucht wird. Die Autoren entwickeln ein neues Konzept, das es erlaubt, sowohl die vollständige Rodung als auch die Degradation tropischer Regenwälder etwa durch selektiven Holzeinschlag zu messen (Biomassenentnahme). Im Ergebnis zeigt sich, daß der Anteil einzelner Wirtschaftssektoren am Rückgang der Waldflächen in den achtziger Jahren regional sehr unterschiedlich ausfiel. Der Stammholzeinschlag durch die Forstwirtschaft war zwar in einzelnen Ländern – zum Beispiel Gabun, Malaysia, Philippinen – für vierzig bis fünfzig Prozent der Biomassenentnahme verantwortlich. Über alle Tropenländer gerechnet, betrug dieser Anteil jedoch lediglich zehn bis fünfzehn Prozent. Etwa zwei Drittel davon wurden in den Ländern selber verbraucht und nur ein Drittel exportiert.

Der Hauptverursacher der Zerstörung tropischer Regenwälder ist eindeutig die Landwirtschaft mit einem Anteil von über achtzig Prozent. Gut die Hälfte hiervon entfiel auf den kleinbäuerlichen Wanderfeldbau, während entgegen häufig geäußerten Behauptungen die exportorientierte Landwirtschaft nur in wenigen Ländern (Kamerun, Elfenbeinküste, Philippinen) eine größere Rolle gespielt hat. Das Anlegen von Weidegebieten hat nur in Lateinamerika nennenswert zur Rodung beigetragen und war für etwa ein Fünftel der weltweiten Rodung verantwortlich. Andere Nutzungsformen des Regenwaldes wie Rohstoffabbau oder Energiegewinnung durch Staudämme haben dagegen in keinem Tropenland den Regenwald im größeren Umfang zerstört.

Ausgehend von diesen Nutzerstrukturen, befaßt sich die Studie mit der Bedeutung des Regenwaldes für die wirtschaftliche Entwicklung der Tropenländer, um die Kosten eines Verzichts auf weitere Rodungen abzuschätzen. Auch dabei ergeben sich erhebliche regionale Unterschiede. Die Holzwirtschaft einschließlich der Holzverarbeitung erwirtschaftet in Westafrika und Südostasien häufig zehn bis zwanzig Prozent der gesamten Exporterlöse (in einigen Ländern auch einen beachtlichen Teil der Wertschöpfung in der verarbeitenden Industrie), in Lateinamerika jedoch nur etwa fünf Prozent. Zudem war in einigen Ländern der Abbau mineralischer Rohstoffe (an erster Stelle Erdöl und Erdgas) eine wichtige Quelle für Exporterlöse.

Die Landwirtschaft ist zwar in vielen tropischen Ländern ein bedeutender Wirtschaftszweig, aber neue Anbauflächen werden häufig nur sehr langsam aus tropischen Regenwäldern gewonnen. Mit Ausnahme weniger Länder (Brasilien, Elfenbeinküste, Thailand und Philippinen) sind seit 1970 weniger als zwanzig vom Hundert der heutigen Anbaufläche durch Rodung neu erschlossen worden. Daher wird oft nur ein relativ geringer Teil von Exporterlösen und Wertschöpfung der Landwirtschaft auf in der jüngeren Vergangenheit gerodeten Flächen erwirtschaftet. Dies gilt um so mehr, als die Erträge dieser Flächen wegen der schlechten Qualität der meisten Regenwaldböden nur unterdurchschnittlich sind.

Angesichts der vielen länderspezifischen Besonderheiten läßt sich der gesamte Beitrag der Regenwaldnutzung zur Einkommensentwicklung in den Tropenländern nur grob abschätzen. Auf der Basis von ausführlichen Fallstudien für Brasilien, Indonesien und Kamerun kommt die Studie zu der Schlußfolgerung, daß sich die wirtschaftlichen Aktivitäten in den Regenwaldgebieten im Durchschnitt auf fünf bis zehn Prozent des Volkseinkommens der betroffenen Länder summieren. Es leuchtet unmittelbar ein, daß vor allem ärmere und dichtbesiedelte Tropenländer nur schwer auf Einkommen in dieser Größenordnung und die mit der Nutzung zusammenhängenden Devisenerlöse verzichten könnten. Eine Abkehr von der Regenwaldzerstörung würde deshalb für diese Länder die Entwicklungschancen fühlbar verringern, selbst wenn man bedenkt, daß der Regenwald nicht regenerationsfähig ist und Rodungen von daher keine dauerhaften Entwicklungsimpulse geben können.