Im "Goldenen Buch der Rolleiflex" von 1935 heißt es über das Photographieren: "Schnappschuß bedeutet Krieg. Einen friedlichen Krieg zwar, bei dem es keine Verwundeten gibt, aber doch Sieger und Besiegte, Angriff und Verteidigung. Immer ist der Mann mit der Kamera der Angreifer, der den Krieg vom Zaun bricht."

Die Welt photographischer Motive war dem Autor ein "Kriegsschauplatz", auf dem man jederzeit "zum Angriff übergehen" könne: "Zwei Dinge kennzeichnen den Schnappschuß gegenüber den vielen anderen Photogebieten: Im ,Schnapp‘ liegt das Raubtierartige des Ansichreißens einer Beute, die freiwillig sich uns nicht darbietet. Im ‚Schuß‘ liegt das Treffsichere des Zugreifens mit der blitzartigen Schnelligkeit des Gedankens."

Die Kamera wurde hier als Waffe dargestellt: "Ohne Geschütz können wir nicht schnappschießen. Verkehrt wäre es aber, für solch einen beweglichen Krieg eine große Kanone aufzufahren, um dann nach Spatzen zu schießen, d.h. so ein Langrohrgeschütz mit Teleoptik. Schnappschuß ist fast immer Nahaufnahme. Wir brauchen also ein Nahkampfmittel, das blitzschnell und dabei doch vollkommen treffsicher arbeitet."

Wie vier Jahre später das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich den Krieg eröffnete, solle man – so dieser Autor – keinesfalls "in aller Form den Krieg erklären": "Mit der aufnahmebereit umgehängten Rolleiflex mitten im feindlichen Gebiet sind wir am sichersten! Wenn wir nur recht harmlos dreinschauen, glaubt keiner, daß die Kriegsmaschine ihm gilt."

Sein zynisches Vokabular verdankt dieser Text sicherlich der Zeit des Nationalsozialismus, als Begriffe aus Militär und Sport stärker als zuvor in die alltägliche Rede übertragen wurden – im Sinne einer bewußten "Versachlichung" der Sprache, so nannte das damals ein Germanist (dabei wurde sie im Gegenteil ja plakativer). Und doch bedeutete dieser Text nur den zeitgemäßen Höhepunkt eines medienspezifischen Sprachgebrauchs, der schon im 19. Jahrhundert entstanden war und noch heute üblich ist. Im Profi-Jargon hat er sich zu einer regelrechten Fachsprache entwickelt.

Ganz selbstverständlich spricht man vom "Laden" der Kamera, vom "Zielen" und "Abdrücken" sowie eben vom "Schießen". Ein Hersteller wirbt mit "Nur zücken, zielen, schießen" für seine Automatikkamera. Als "Waffe beim Kampf um schnelle Bilder" wird eine "Telekanone" mit Schulterstützen heutzutage annonciert: "Ein Gerät wie ein Gewehr". Dazu finden sich seit dem 19. Jahrhundert in der Photoliteratur auch Redewendungen der Jägersprache und, etwa seit Beginn unseres Jahrhunderts, aus dem Sport.

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