Der ratlose Westen vergibt eine große Chance

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer sich darüber wundert, daß die nationalen Wahlen verschiedener Länder während der letzten Wochen fast alle Protestwahlen waren – Protest gegen eine wortreiche, aber tatenarme Führungsschicht –, der sollte sich den Zustand auf der internationalen Ebene vor Augen führen. Dort, wo vor nicht allzu langer Zeit Männer wie Churchill, de Gaulle, Adenauer, de Gaspari standen, ist heute weit und breit kein Staatsmann zu sehen. Niemand, der wie Churchill oder Monnet eine Vision der Neuen Welt zu vermitteln vermag.

Dabei ist auf der internationalen Ebene der Mangel an Entschlossenheit und Handlungswillen nun vollends unverständlich, denn dort stellt sich die Notwendigkeit, zu planen und zu gestalten, besonders dringlich dar. Schließlich waren selten zuvor das Ende einer Epoche und der Zusammenbruch ihrer Strukturen so deutlich markiert wie jetzt.

Während der zurückliegenden vier Jahrzehnte war alles klar. Jeder wußte, wo er hingehörte und was er dort – sei es im Westen oder im Osten – zu tun, zu denken und zu sagen hatte; jeder kannte das für ihn zuständige Feindbild. Nun ist alles anders geworden, nichts ist mehr, wie es war. Jetzt muß auf den Trümmern der kommunistischen Diktatur das Fundament für neue Demokratien errichtet, die Friedensordnung so optimal strukturiert werden wie zuvor der Kalte Krieg. Aber niemand hat eine Vision von der Zukunft, alle sind ratlos.

Zufall anstelle von Konzepten

Nach vierzig Jahren hat der Westen endlich unter vielen Opfern den Sieg im Kalten Krieg errungen. Aber seit das erste Ziel erreicht wurde – der Kommunismus zusammengebrochen ist –, gibt es niemanden, der einen Friedensplan entwickelt. Die zweite Etappe bleibt einfach dem Zufall überlassen.