Kurzum, er war ein komischer Kauz. Das bemerkte man jedoch erst, wenn man ihn näher kennenlernte. Hinter der Fassade des Mönchs der Revolution verbarg sich eine bunte Persönlichkeit.“ Ich muß gestehen, anfangs haben mich die journalistischen Floskeln à la „komischer Kauz“ geärgert. Am Ende habe ich Gilles Perraults Stil als Methode verstanden. Wahrscheinlich kommt man an Henri Curiel nicht näher heran. Man kann nur Zeugnisse aufzeichnen, Bilder sammeln, die jedem selbst erlauben, eine Person „hinter“ den Ereignissen zu imaginieren.

Henri Curiels Tagesablauf folgte fast exakten Regeln. Es konnte seinen Mördern nicht schwerfallen, ihn abzupassen. Der 4. Mai 1978 war ein Donnerstag, aber ein Feiertag. Woher wußten die beiden Revolverhelden, daß Curiel trotzdem gegen zwei Uhr aus dem Aufzug des Hauses Rue Rollin 4 im 5. Pariser Arrondissement treten würde? Gilles Perrault ist ein Meister der Recherche. Zwar hat auch er keine Antwort auf diese Frage. Immerhin aber zeigt er sehr genau, daß die Polizei einige Spuren ziemlich professionell „übersehen“ hat. Kein Wunder: Wer auch immer Curiel erschossen hat – der Kreis der Mörder ist auf jeden Fall hochbrisant. Waren es die Ägypter, die Palästinenser, der Mossad, der südafrikanische Geheimdienst Boss oder die letzten Rächer der pieds noirs, der Algerienfranzosen?

Tatsächlich kommen noch weitaus mehr Interessenten an seinem Tod in Betracht. Curiel war ein Ärgernis, lebenslänglich – ein Außenseiter, der auf seine Weise für produktive Unordnung sorgte.

Curiel wird 1914 als Sohn eines jüdischen Bankiers in Kairo geboren. Er wuchs in einer märchenhaften Villa im besten Viertel Kairos auf, hatte die Zukunft in der Tasche – da geschieht ein Unglück: Er läßt sich auf das entsetzliche ägyptische Elend ein, er sieht die Misere der englischen Kolonialherrschaft und der korrupten ägyptischen Oberschicht. Heimlich liest er Marx und andere politische Schriften. Vergebliche Versuche, den Landarbeiterfamilien auf den Gütern seines Vaters wenigstens zum Überleben zu verhelfen, zeigen ihm, daß das Übel grundsätzlicher Natur ist. Henri Curiel überbietet jetzt seine „angeborene“ Unangepaßtheit als französisch kulturierter Jude im englisch kolonialisierten Ägypten – er wählt seine Entwurzelung. „Zahlreich sind die Überläufer der Bourgeoisie, doch selten sah man einen die Trennlinie mit so schlichter Natürlichkeit und ohne einen Blick zurück überschreiten“, schreibt sein Biograph.

Mit Mitte Zwanzig verschreibt sich Curiel vollkommen der revolutionären Politik. Zusammen mit Freunden baut er zunächst eine marxistische Befreiungsbewegung auf. Er verfaßt und vertreibt Flugblätter. Und auf dem Landgut seines Vaters organisiert er eine heimliche Kaderschule. Im Zentrum von Kairo führt er eine Buchhandlung, wo unter dem Ladentisch revolutionäre Schriften verkauft werden. Vorher sorgt er allerdings dafür, daß die entscheidenden politisch-revolutionären Schriften erst einmal ins Ägyptische übersetzt werden. Zwischendurch wandert er immer mal wieder ins Gefängnis. Schließlich weist König Farouk ihn aus. Am 26. August verläßt er an Bord eines italienischen Schiffes Ägypten. Er wird es nicht wiedersehen.

Auf Umwegen landet er in Frankreich, seiner kulturellen Heimat. In Paris findet sich fast der ganze Clan seiner emigrierten Kairoer Freunde wieder. Aber die Kommunistische Partei Frankreichs gibt ihm nicht nur kein angemessenes Wirkungsfeld, sie isoliert ihn mit allen Mitteln. Für Curiels Art von praktischer politischer Arbeit und seine weisungsfreien, treffsicheren Analysen hat das heilige Kalkwerk der Revolution nichts übrig. Statt dessen baut Curiel in den fünfziger Jahren in Paris eine Hilfsorganisation auf, die die erst von Farouk, später von Nasser in Ägypten inhaftierten Linken unterstützt.

1957 lernt Curiel Francis Jeanson kennen, der ein ziemlich gut funktionierendes Netz zur Unterstützung der algerischen FLN (Front de Liberation nationale) aufgezogen hat. Hauptsächlich ging es darum, Geld von den in Frankreich lebenden Algeriern zu sammeln und dies dann der FLN zu schicken. 1960 übernimmt Curiel das Netz der Kofferträger. Es arbeitet gut – auch wenn es um die Lieferung gefälschter Papiere, Flugblätter und Waffen geht und auch wenn Curiel im Oktober 1960 für anderthalb Jahre im Gefängnis von Fresnes verschwindet. In gewissem Sinne rettet ein staatenloser ägyptischer Jude Frankreichs Ehre in diesem schmutzigen Krieg.