Der Streik beim amerikanischen Baumaschinenhersteller Caterpillar wird zur nationalen Kraftprobe zwischen Unternehmen und Gewerkschaften

Von Christian Tenbrock

Scab! Go home, scab! Der Mann am Fabriktor schreit es durch sein Megaphon, Männer und Frauen schütteln drohend ihre Fäuste. Einer spuckt auf das Dach des Autos, das langsam in die Einfahrt rollt. Das Nummernschild wird notiert, der Wagen gefilmt. Über Lautsprecher scheppert ein Lied in den kühlen, grauen Morgen: "Which side are you on" – auf welcher Seite stehst du?

Stop Scabs! Mit roter Farbe hat sich ein junger Arbeiter die Worte auf den blanken Hintern gepinselt. Vom Galgen auf der Ladefläche eines Kleinlastwagens, der unter johlendem Beifall vorbeifährt, baumelt eine aufgeknüpfte Puppe. "Vereint können wir verhandeln, geteilt müssen wir betteln", steht in breiten Lettern auf einem Plakat an der Fahrertür.

Scab: englisch für Schorf, Krätze, Räude, aber auch für Schuft, Lump und Streikbrecher. Nur eine Handvoll scabs wagt am Freitagmorgen der vergangenen Woche die Fahrt auf den von Sicherheitskräften abgeriegelten Fabrikparkplatz im Osten der Kleinstadt Peoria. Aufgehängt werden Streikbrecher im amerikanischen Bundesstaat Illinois zwar nur symbolisch. Frieden darf es für scabs aber nicht mehr geben, "nicht für den Rest ihres Lebens", meint der Arbeiter Mike Solberg.

Seit 160 Tagen steht der 38jährige am Tor des Unternehmens, für das er zuvor achtzehn Jahre lang gearbeitet hatte. 160 Tage schon streiken Tausende Gewerkschaftler der UAW, der United Auto Workers, gegen Caterpillar, den weltgrößten Hersteller von Traktoren, schweren Baufahrzeugen und Maschinen. "Wir streiken", sagt Solberg, "bis wir gewinnen. Scabs werden uns daran nicht hindern."

Nicht alle Kollegen teilen Solbergs kämpferischen Optimismus. "Was hier passiert, ist qualvoll", sagt John Marques, 41 Jahre alt und ebenfalls seit über fünf Monaten im Streik. Insgesamt haben 12 600 Männer und Frauen in den Caterpillar-Fabriken in East Peoria, Mapleton, Aurora, Mossville und Pontiac die Arbeit niedergelegt. Zunächst ging es um Löhne, Pensionen, Krankenfürsorge und sichere Arbeitsplätze. Ende März aber drohte Caterpillar, daß all jene Streikenden entlassen und durch nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ersetzt werden, die sich nicht umgehend wieder an die Arbeit machen. Es ist das erste Mal, daß ein großer Industriebetrieb in den Vereinigten Staaten versucht, auf diese Weise einen Ausstand zu beenden.